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Heilige Scheiße

»Heilige Scheiße, was ist denn das?« Die Stimme ertönte aus einem Loch im Boden. »Ihr werdet nicht glauben, was ich gefunden habe.«

»Doch«, antwortete ein schlaksiger Junge, der sich auf einen Baumstamm lümmelte. »Ich kann‘s mir denken. Immerhin gräbst du in einer Latrine. Was hast du da erwartet?«

»Ach, halt die Klappe, Martin«, erklang die Stimme erneut. Eine brünette Lockenpracht erschien, gefolgt von dem ovalen Gesicht einer jungen Frau. Ihre blauen Augen funkelten vor Aufregung. »Professor Ortmann, das müssen Sie sich ansehen. Bitte!«

Ortmann, ein kleiner Mann Anfang vierzig, auf dessen Halbglatze sich die untergehende Sonne spiegelte, trat zu der Grube. »Was hast du gefunden, Hanna?«, fragte er mit freundlicher Stimme. Dann weiteten sich seine Augen.

»Bestimmt einen extragroßen Bandwurm«, warf Martin ein und näherte sich ebenfalls den Überresten der alten Latrine. »Die halten sich in den vertorften Exkrementen besonders gut. Das ist wie ein trockenes Moor, entsprungen aus den Därmen unzähliger Legionäre. Es ist … Wow!« Sein Redefluss erstarb. Er starrte mit offenem Mund in die Grube. »Irgendetwas«, stammelte er, »ist hier furchtbar schief gelaufen.«

Knapp zwei Jahrtausende früher hielt das Schicksal den Atem an.

Leseprobe aus „Blutmond

Die Leseprobe gibt es auch als Hörprobe:

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Sie tanzt

Blut auf den Händen; Blut auf der Seele; Blut, das ihren Bund besiegelt, das sie untrennbar macht. Ein Opfer für die Liebe.

Mondlicht scheint durch die Äste der alten Eiche auf ihre nackte Haut. Der Schweiß ist noch nicht getrocknet und glänzt im fahlen Licht. Isabelle hat sich erhoben, die Arme eng um ihren Körper geschlungen; eng, wie die des Geliebten es hätten tun sollen. Sanft wiegt sie sich hin und her, bewegt sich im Kreis. Sie tanzt, dreht sich lautlos. Ein Zweig hat sich in ihren kastanienbraunen Haaren verfangen.

Sie spürt das Moosbett unter ihren Füßen, auf dem sie sich so oft geliebt haben. Die Kerzen, aufgestellt, um den Ort ihrer Leidenschaft sanft zu erhellen, schirmen sie von der Dunkelheit ab. Der vertraute Platz, ihr Stelldichein, umhüllt sie mit einem Mantel der Geborgenheit; verbirgt sie vor der Einsamkeit.

Ein kühler Windhauch lässt sie frösteln. Die feinen Haare auf Isabelles Armen stellen sich auf. Der Herbst ist schon weit fortgeschritten. Die Vorboten des Winters strecken langsam ihre Finger über den Wald aus. In ein paar Tagen werden kaltes Wetter und Regen das Land fest im Griff haben. Nur noch wenige Wochen bis zum Heiligabend.

Doch die Zeit des Versteckspielens ist vorüber. Keine Lügen mehr, um seine Frau zu beruhigen, keine Rücksicht mehr auf deren angeschlagene Gesundheit. Isabelle hat Geduld gezeigt. Oh ja, das hat sie. All die langen Monate seit dem Frühjahr ist sie geduldig gewesen. Doch nun ist das Problem mit Daniels Frau für immer bereinigt. Die unzähligen Stunden, die sie in ihrer Wohnung auf das nächste Stelldichein mit ihrem Geliebten wartete und die Wut, die sie empfand, wenn sie an seine Frau dachte, all das hat unwiderruflich ein Ende gefunden. Und auch die Angst, was passieren würde, wenn diese von ihrem Verhältnis erfahren, wenn Daniel sich nicht auf Isabelles Seite gestellt und er der Bequemlichkeit, der Gewohnheit seiner Ehe nachgegeben hätte, war verflogen.

Der Geruch von totem Laub weht über die Lichtung. Blätter rascheln. Eine Kerze flackert, erhellt im Ersterben die Hand, die bleich im Schatten der moosbewachsenen Steine ruht. Für einen Sekundenbruchteil scheint Leben in die starren Finger zurückzukehren. Dann erlischt die Flamme. Die Hand versinkt in der Dunkelheit; reglos, erkaltend.

Der Gedanke war verführerisch und erregend, Daniels Frau hierher zu locken, auf die Lichtung, die für sie und ihn zum Tempel der Liebe geworden war. Um alles, hier unter der Eiche, zu einem Ende zu führen. Und sie würde ihn lieben, auf dem Altar aus Moos, erbaut über dem verborgenen Grab der Rivalin.

Aber was, wenn Daniel immer weiter nach seiner verschollenen Frau gesucht, wenn ihm ihr Verschwinden keine Ruhe gelassen hätte? Ungewissheit ist ein schleichendes Gift. Doch nun gehört Daniel ihr; seine Frau wird sie nie mehr stören können.

In der Ferne schreit ein Uhu. Isabelle legt den Kopf in den Nacken und breitet ihre Arme aus. Ihre Augen sind geschlossen. Auf ihren Lippen liegt ein Lächeln. Die Blätter und Äste der Eiche zeichnen im Mondlicht Schattenmuster auf ihren weißen Teint.

Sie öffnet die Lider. Ihr Blick schweift über das Moosbett, stockt bei dem langen Seidenschal; Spielzeug ihrer Lust. Er gleitet weiter, verweilt kurz auf der leblosen Gestalt, die zwischen den Wurzeln des mächtigen Baumes ruht, und findet zurück zu jenem Abend im Frühling, an dem alles begann; die Geräusche der Nacht erreichen sie nur noch aus weiter Ferne.

Er sei zu alt für sie, hatte Daniel gesagt, doch seine Augen verrieten ihn. Isabelle hatte gewusst, dass sein Herz anderer Meinung war. Er wäre nicht zur Lichtung gekommen, hätte er sie nicht gewollt, sie nicht begehrt. Sie hatte ihn geküsst und ihm gezeigt, das sie zusammengehörten. Seelen sind alterlos! Waren sie doch füreinander bestimmt, was spielten dann zwei Jahrzehnte für eine Rolle? Sie fanden sich immer wieder, was auch geschah, wohin sie auch getrieben wurden. Und war er nicht für sie zurückgekehrt? Hatte sie ihn nicht unter all den anderen sofort erkannt? Niemand durfte sich zwischen eine solche Liebe stellen; um diese zu schützen, war jedes Mittel recht. Selbst das letzte, das endgültige.
Kühler Wind streicht abermals vom Wald her über Isabelles nackte Haut. Ihre Nippel ziehen sich zusammen. Sie fährt sich mit den Händen über ihre Arme. Die Bewegung stockt. Isabelle hält inne. Im fahlen Schein betrachtet sie ihre Hände, betrachtet das Blut. Sie lächelt.

Warum hatte Daniels Frau sich gegen sie gestellt? Konnte sie nicht erkennen, dass sie ihn verloren, ja, ihn nie wahrhaft besessen hatte? Sie hatte es Daniel so schwer gemacht, all die Monate der Rücksichtnahme, der Heimlichkeit. All die Zeit, in der diese Frau versucht hatte, Daniel von seiner Bestimmung abzubringen, indem sie seine Gutmütigkeit als Waffe gegen ihn und Isabelle verwendete. Und er hatte es nicht bemerkt, nein, er glaubte sogar, dass seine Frau nichts von ihnen wusste. Doch Isabelle hatte sie durchschaut: die plötzliche Krankheit, der überraschende Tod des Onkels, die gespielte Hilflosigkeit, das waren direkte Angriffe auf ihre Liebe, die verzweifelten Versuche einer Unterlegenen, das Blatt doch noch zu wenden.

Und fast wäre dieser Plan aufgegangen. Als Daniel heute Abend zu ihr kam, als er da saß, mit fernem Blick, nachdem sie sich geliebt hatten, als er erneut um mehr Zeit bat, um mehr Geduld, da hatte Isabelle es gewusst. Sie musste handeln, um ihn nicht zu verlieren. Und sie handelte.

Ein dunkler Wolkenschleier legt sich über den Mond. Die Kerzen verlöschen im Windstoß. Nur eine bleibt; ein Totenlicht in der Dunkelheit, eine einsam ausharrende Seele. Kurze Augenblicke, vom Flackern der Flamme aus der Nacht gerissen: ein Sektglas, zerbrochen; ein Stein, blutbeschmiert; Augen, tot.

Isabelle erschauert. Wie ein finsterer Feind mit eisigen Fingern greift der Wald nach ihrem Herzen. Die Zeit ist nah. Er ist vorausgegangen, doch sie darf ihn nicht warten lassen. Die Ewigkeit ruft nach ihnen.
Sie kniet nieder. Ihr Blick liebkost den nackten Leib, der vor ihr im Moos liegt. Sanft streicht sie über Haar und Schulter. Der Geliebte, so nah, so unerreichbar. Seine Hand, so kalt.

Ja, nun gehört er ihr. Jetzt kann sich niemand mehr zwischen sie stellen. Noch vor dem Morgengrauen werden sie für immer vereint sein.

Ihre Hand greift nach dem Schal. Sanft gleitet die Seide durch ihre Finger. Der Blick aus ihren feuchten Augen steigt nach oben, verfängt sich in den Zweigen des Baumes, verharrt an dem knorrigen Ast, der anklagend in die Nacht ragt.

Isabelle tanzt. Sie tanzt für ihn unter den Zweigen der alten Eiche, der ewig schweigenden Zeugin.

Fremde Sühne

Bleiche Schleier ziehen an den Gittern vorbei. Die Hammerschläge zeugen von Schicksal, von Unaufschiebbarkeit.

In der Zelle ist es kalt. Die klamme Feuchtigkeit ist allgegenwärtig. Der Blick des Gefangenen hängt noch einen Moment an dem Galgen; seinem Galgen. Er löst sich, schweift hinaus in die Welt. Er folgt dem Band aus nasser Erde, festgestampft von unzähligen Füßen und Hufen, das sich im Unbestimmten des Nebels verliert. Tote Bäume recken ihre Äste fingergleich gen Himmel; ungewisse Gestalten in den wabernden Schwaden. Stimmen und Hundegebell verlieren sich im grauen Dunst, vage und ortlos.

Seine Gedanken reißen seinen Blick weiter: über den nahen Wald zu den fernen Dünen; zerren ihn durch Raum und Zeit.

Er folgt den einsamen Spuren im Sand, die sein Schicksal besiegelten. Zu dem Haus auf der Klippe, verödet und verlassen, vom Wind gepeinigt, der die Fensterläden gegen die Fassade schlägt und durch jede Öffnung heult.

Erneut verharrt er, wie damals. Er konnte nicht weitergehen. Was ging es ihn an? Andere würden sich darum kümmern. Und was wusste er schon? Schatten in der Nacht, Bilder in der Trunkenheit; er hatte sich das alles eingebildet. Ja, so war es. Es gab hier nichts, was er tun musste. Er würde kehrt machen, würde zurückkehren zu seinem Platz im „Lustigen Seemann”. Nur ein Glas, mehr wollte er nicht.

Das Bild verschwimmt. Jetzt weiß er es besser. Es war nicht bei dem einen Glas geblieben; es blieb nie bei einem Glas. Er hatte da gesessen und getrunken, bis sie ihn abholten. Ob er in dem Haus an den Dünen war, hatte der Sheriff gefragt. »Ich? Nein!« Es war die Wahrheit. Seine Wahrheit. Sie hatten ihm nicht geglaubt. Warum auch? Jetzt, aus der Distanz, hätte er sich auch nicht geglaubt. Doch es war nicht seine Schuld. Er war nicht in dem Haus.

Wieder steht er vor den verfaulten Stufen, halb im Sand versunken. Er macht einen Schritt und das morsche Holz gibt nach, biegt sich unter ihm.

Die Eingangshalle ist leer, nur Staub und Ratten leben hier. Zögerlich läuft er auf die schmale Tür im Hintergrund zu. Einmal war er hier, damals, als der Sheriff ihn zurück an den Tatort brachte. Doch das ist nicht jetzt, es ist noch nicht geschehen. Diesmal geht er den Weg, den er gehen muss, den er schon damals hätte gehen sollen. Es wird nichts ändern, nicht für den Richter, nicht für die Geschworenen, nicht für die Familie. Aber für ihn. Seine Gedanken leiten seine Schritte in den Keller, der leer ist, in einer Gegenwart, die noch kommen wird. Doch jetzt ist er voll von Wahrheit, voll von Gespenstern der Schuld. Er blickt zu der Frau, die mit großen Augen in die Dunkelheit starrt, voller Angst auf das harrend, was da kommen mag. Und zu dem Fremden, dessen Tat er sühnt. Wenn er damals hineingegangen wäre, hätte er es ändern können. Da hatte sie noch gelebt. Er bewegt sich zögerlich auf den Fremden zu, der mit dem Rücken zu ihm steht. Irgendetwas an dem Mann kommt ihm bekannt vor. Er geht noch einen Schritt. Der Fremde dreht sich um.

Das Erkennen kommt langsam, wie das Erwachen aus einem tiefen Schlaf. Es trifft ihn wie ein Hammerschlag; schockiert ihn; erlöst ihn. Dann reißen ihn seine Gedanken zurück in die Gegenwart.

Er wendet sich ab, setzt sich auf die enge Pritsche. Das Hämmern aus dem Hof hat etwas Erlösendes angenommen, ein Klang von Sühne. Die Bilder des Vergangenen sind verblasst und doch fühlt er noch die Augen, die sich unsichtbar aus dem Nebel in seine Seele bohren. Zwei blaue Augen, eingerahmt von blonden Locken; anklagend; verloren und verängstigt.

Er weint.

An den Gittern ziehen die Nebel der Vergangenheit vorbei.

Totentanz

Totentanz - eBook„Blut auf den Händen; Blut auf der Seele; Blut, das ihren Bund besiegelt, das sie untrennbar macht. Ein Opfer für die Liebe.“ So beginnt die erste Geschichte in „Totentanz“. In dieser Sammlung habe ich sechs Kurzgeschichten vereint, die alle eines gemeinsam haben: den Tod. Aber dass heißt nicht, dass es sich hierbei um blutrünstige Storys handelt, sondern wir begeben uns auf eine Reise in die Seelen der Menschen und begegnen den unterschiedlichen Gefühlen, welche die Protagonisten beim Thema Tod bewegen: Angst, Reue, Gier aber auch Hoffnung und Liebe.

„Totentanz“ ist als eBook (Amazon Kindle, Kobo ePUB und XinXii ePUB) sowie als Taschenbuch erhältlich.

Klappentext: Seelen verschmelzen für die Ewigkeit, der Tod verliert seine Bedeutung und die Angst ist ein ständiger Begleiter in den sechs tödlichen Geschichten der Anthologie »Totentanz« von J.R. Kron.

Eine verbotene Affäre zwingt die junge Geliebte zu einer unorthodoxen Lösung, ein Gefangener wartet auf sie Sühne, ein Mord im alten Rom zieht seine Fäden bis ins entfernte Germanien, drei Kreuzritter begegnen in den Katakomben der heiligen Stadt ihrem Schicksal, für eine junge Ehefrau birgt die Einsamkeit der Rocky Mountains ungeahnte Gefahren und ein uraltes Fruchtbarkeits-Ritual in einem brennenden Tempel führt die Geschichte zu ihrem Anfang zurück.

Kurzgeschichten:

  • Totentanz
  • Fremde Sühne
  • Blutmond
  • Das Blut der Heiden
  • Die Hütte am See
  • Das Ritual
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