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Du hast echt Schwein

 Sonntag, 25.02.2114, 18:14 Uhr MEZ, GfScI Teststation

»Du hast echt Schwein, mein Junge.« Der Mann mit den Sauäuglein hinter der Hornbrille klopft mir viel zu fest auf den Rücken. Ich kann ihn riechen. Er stinkt nach Schweiß und Zigaretten. Da ist noch ein anderer Geruch, den ich nicht identifizieren will.

»Wenn ich noch so jung wäre wie du, ich hätte mir den Schwanz ausgerissen, nur um das Baby fliegen zu können. Beim ersten Mal ist es immer am schönsten.«

Er grinst. Seine Bemerkung scheint ihn höllisch zu amüsieren. Sein Grinsen wird breiter. Er holt aus. Meine Muskeln sind bis zum Zerreißen angespannt. Dann der Schlag. Er hat mit wieder auf den Rücken geklopft.

»Diese Maschine ist einfach wundervoll. Es ist der beste Jäger, den wir je gebaut haben. Schau dir doch nur diese Linien an, mein Junge!«

Er scheint das Ding tatsächlich mit einem Raumjäger zu verwechseln. Das Ding kann nicht fliegen, es hat ja nicht mal einen Antrieb. Mein Blick schweift über das eigentümlich matte Gebilde, das lächerlich klein in dem großen Hangar wirkt. Ich habe alles geflogen, was GfScI im Programm hat, doch das hier ist ein Witz. Hoffentlich. Die Maschine ist kaum größer als mein Sofa. Sie sieht aus wie das flach geklopfte Projektil einer Handfeuerwaffe. Das Cockpitfenster zieht sich leicht geschwungen über das gesamte obere Drittel. Jetzt weiß ich, was es sein soll. Es muss sich um eine Rettungskapsel handeln. Das kann kein Jäger sein. Nein, ich hoffe nicht.

»Komm her, mein Junge.« Er hat damit begonnen, „das Baby“ zu streicheln.

Ich bin nicht „sein Junge“. Alles, nur das nicht.

»Komm her und fass sie an.«

Er wird noch von mir verlangen, dass ich mit dem Ding schlafe.

»Ist sie nicht wundervoll?«

Ekel überkommt mich. Ich stelle mir den Kerl in einer schmuddeligen Bar vor, wo er seine verschwitzten Hände über den Körper eines billigen Mädchens fahren lässt. Wie viel muss er einer Frau wohl zahlen, damit sie sich nicht übergibt? Ich schüttele den Gedanken ab und konzentriere mich wieder auf das merkwürdige kleine Ding, wobei ich versuche, möglichst interessiert und vielleicht sogar ein wenig begeistert auszusehen. Damit soll ich fliegen? Mein Blick schweift ab, fällt auf das riesige Hangartor. Nur ein leicht bläulich schimmerndes Kraftfeld trennt uns von der Unendlichkeit.

»… nur dieses Cockpit an, mein Junge.«

Ich zucke zusammen. Irgendwie hat es Mr. Schweiß geschafft, das Ding zu öffnen. Jetzt wirkt es erst recht lächerlich. Wie das Maul eines kleinen Tieres, vor Gier weit aufgerissen. Ich schaue mir das Innere der Maschine an. Jetzt weiß ich, dass es sich nur um einen Scherz handeln kann. Was ich sehe, bringt mich fast zum Lachen. Mr. Schweiß scheint meine Belustigung bemerkt zu haben. Er wirft mir einen leicht ärgerlichen Blick zu. Dann grinst er wieder.

»Das alles wirkt etwas spartanisch, das gebe ich ja zu, aber du kannst mir glauben, mein Junge, es ist alles vorhanden, was benötigt wird.«

Wirklich? Erneut betrachte ich das Innenleben des „Jägers“. Diesmal genauer. Ich sehe nicht mehr als beim ersten Mal. Ein Pilotensessel mit merkwürdig geformter Kopflehne, kein Steuerknüppel und ein leeres Armaturenbrett. Nein, nicht leer. Ein einzelner, dunkler Knopf thront wie ein lebloses Auge mitten in dieser Einöde. Sonst nichts.

»Ich verstehe schon, dass du dich etwas wunderst, mein Junge.«

Er soll mit diesem „Mein-Junge-Scheiß“ aufhören, bevor ich mich vergesse. Das Bild von eben ist wieder da. Die Bar, Mr. Schweiß und …, nein, diesmal nicht. Statt des Mädchens liege nun ich in seinem Arm. Mir ist übel.

»Hey, hörst du mir überhaupt zu?« Er stößt mich unsanft an. »Alles, was du zur Steuerung und Kommunikation benötigst, befindet sich hier«, er wischt seine Finger am Kopfende des Pilotensessels ab, »im Kopfteil des Sitzes.«

Er spinnt! Er ist total übergeschnappt. Oder irgendjemand erlaubt sich einen ganz miesen Scherz mit mir.

»Der Computer hat direkten Zugang zu deinem Gehirn.«

Mir fällt mein Mittagessen wieder ein – weich, heiß und undefinierbar.

»Du denkst, die TD-01 reagiert darauf.«

TD-01 – die Mülltonne mit Glasdeckel hatte sogar einen Namen.

»Alle deine Entscheidungen werden sofort und mit äußerster Präzision ausgeführt. Das Baby ist sozusagen dein zweiter Körper.« Er spinnt wirklich. »Und das Schönste«, jetzt kommt es, »du wirst es mir nicht glauben, mein Junge«, woher weiß er das nur? »Wir haben das erste Mal eine transdimensionale Einheit eingebaut.« Er hat recht, ich glaube ihm nicht; das ist doch Science-Fiction. »Du kannst eine minimale dimensionale Verschiebung herbeiführen, und niemand kann dir mehr etwas anhaben.« Er ist total verrückt. »Dafür haben wir auf den Einbau eines Schutzschildes verzichtet.« Danke, so wollte ich das schon immer haben. »Los, setz dich mal rein.«

Ich zögere und mein Blick gleitet noch einmal über das kahle Armaturenbrett. Dann bleibt er an dem Knopf haften.

»Was ist das?«

»Oh, der, der hat keinerlei Funktion mehr. Ein Relikt aus der frühen Entwicklungsphase. Du brauchst keine Armaturen und Anzeigen. Alle Informationen, die du während deines Fluges benötigst, spielt die TD-01 direkt in dein Gehirn ein. So und nun rein mit dir.«

Ein Albtraum. Ich steige in dieses Ding. Ich will nicht, aber ich tue es. Der Sitz ist überraschend bequem. Zu bequem. Mein Peiniger zwinkert mir zu. Sein Grinsen frisst sein Gesicht auf. Dann schließt sich das Cockpit geräuschlos und Mr. Schweiß verlässt den Hangar. Er winkt mir ein Mal zu. Dann bin ich allein. Falsch, wir sind allein, ich und der kleine dunkle Knopf auf dem Armaturenbrett.

Leseprobe aus „Der Knopf

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Der Knopf

Der Knopf - eBookEigentlich ist »Der Knopf« keine Kurzgeschichte, er ist ein Gefühl. Und genau deswegen finden ihn die Einen fantastisch und die Anderen verstehen ihn nicht. Und so ist das Science-Fiction Setting, in dem die Story angesiedelt ist, nicht wirklich wichtig. Genauso gut hätte die Geschichte, nach Anpassung der Rahmenhandlung, in unserer Zeit spielen können, denn Gefühle sind zeitlos. »Der Knopf« ist auch für jemanden empfehlbar, der sonst mit Scifi nichts am Hut hat.

Viel Spaß damit, aber denkt immer daran: Horror beginnt im eigenen Kopf …

Der Knopf ist als eBook für 99 Cent (Amazon Kindle und Kobo ePUP) und als Taschenbüchlein erhältlich.

Klappentext: Was als harmonisches Wochenende geplant war, endet in einem Trip in den Wahnsinn. Ein unerwarteter Anruf, ein unaufschiebbarer Test und ein Raumjäger, der eigentlich gar nicht fliegen kann, führen auf eine Reise, an deren Ende die eigene Angst steht.

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