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Es hat begonnen

»Es hat begonnen.«

Die Worte, fast nur ein Flüstern, ließen Ardon erschauern. Etwas Tödliches berührte seine Seele und presste sie unerbittlich zusammen. Er atmete tief ein, schüttelte die Beklemmung ab und trat an die Seite seines Meisters. Trotz der Wärme des lauen Sommerabends, die durch die Fenster des Turmzimmers drang, fröstelte es ihn.

Vor den Augen der beiden Menschen erstreckten sich die Ausläufer des Barkan Gebirges tief in die grüne Finsternis des Hallach Waldes hinein. Schatten krochen zwischen den großen Bäumen des Waldes hervor, zuckten vor dem Licht zurück und verbargen sich wieder unter den uralten Bäumen. Mit einem flauen Gefühl im Magen betrachtete Ardon die Reiter, die der schlängelnden Linie des Pfades zwischen dem Sumpf und dem Forst folgten. Er konnte den Mann, welcher der gemischten Truppe voran ritt, kaum noch erkennen, aber seine Erinnerung an ihr letztes Treffen war noch frisch. Das schattenhafte Lächeln, das immer wieder in den ansonsten reglosen Zügen des Elfen aufblitzte, würde er genauso wenig vergessen wie dessen silbrig graue Augen. Sie waren wie ein Spiegel, in dem man seinen eigenen Tod sehen konnte.

Nun zügelten die Männer ihre Pferde, berieten sich kurz und folgten dann der alten Ork-Straße, die sie in einem weiten Bogen durch den Hallach nach Süden bringen würde. Wenige Minuten später zeugten nur noch gelegentlich Vogelschwärme, die aufgeregt das Blätterdach des Waldes durchbrachen, von der Route, der die Männer folgten.

»Wir hätten ihm nicht vertrauen sollen.« Ardon blickte bei diesen Worten weiterhin auf das sich vor ihm erstreckende Meer aus Bäumen. »Ich habe seinesgleichen noch nie leiden können.«

»Du verwunderst mich.« In Laszans Stimme schwang Belustigung mit. Der Priester legte seine Hand auf Ardons Schulter und drückte sie sanft. Fahle Haut, mit gelblichen Flecken übersät, spannte sich pergamentartig über die Knochen seiner Finger. Unter seiner schmucklosen, grauen Robe zeichnete sich sein ausgemergelter Körper ab. Mit seinen sechs Fuß war er hochgewachsen. Die Kapuze des Umhangs hatte er so weit vorgezogen, dass sein Gesicht vollkommen im Schatten verborgen lag. Fast schien es, als scheue der alte Priester das Licht des Tages. »Ich hätte dich nicht für einen Rassisten gehalten.«

»Das meine ich nicht«, sagte Ardon und war einen Moment selbst nicht sicher, ob das stimmte. »Es ist mir egal, ob er ein Elf ist oder was auch immer. Es ist seine Zunft, die mich abstößt. Wie kann man einem Mann trauen, der in dem Leben Anderer nur etwas sieht, das man in Münzen aufwiegen kann. Er macht mir Angst.«

»Solange es unsere Münzen sind, sollte dich das nicht beunruhigen.« Die Belustigung war aus Laszans Stimme verschwunden, als er fortfuhr: »Aber du irrst dich, was Vehstrihns Motivation anbetrifft. Und das, mein lieber Ardon, sollte dir wirklich Angst machen.« Seine letzten Worte waren nur noch ein Flüstern. Mit einer fließenden Bewegung, die man einem Mann, der die siebzig Lenze schon lange hinter sich gelassen hatte, gar nicht zutrauen würde, wandte der Priester sich vom Fenster ab. Er durchquerte den ovalen Turmraum mit wenigen Schritten und begann mit dem Abstieg. Kurz bevor ihn der steinerne Treppenabgang endgültig verschlungen hatte, drehte er sich noch einmal zu seinem Schüler um.

»Es ist gut, Angst zu haben, Ardon, denn die Angst macht dich vorsichtig. Nur ein Narr hat keine Angst, wenn er mit einem gefährlichen Werkzeug arbeitet. Und die Friedhöfe sind voll von Narren. Doch wenn man sich der Gefahr bewusst ist und das Werkzeug mit Bedacht handhabt, dann kann man ein Kunstwerk schaffen, das die Zeiten überdauert. Und Vehstrihn ist fürwahr ein Werkzeug, das, von den richtigen Händen geführt, in der Lage ist, ein Monument von schier unvorstellbarer Schönheit zu schaffen.«

Ardon starrte noch einige Momente auf die Stelle, an der sein Meister soeben das Turmzimmer verlassen hatte. Ein lauer Windstoß fegte durch das Fenster hinter ihm und ließ seine aschblonden Haare um seine Schultern wehen. Er brachte den Gestank von Verwesung mit sich. Selbst hier oben, in der alten Felsenfestung, die sich an die fast lotrechten Flanken des Berges klammerte, waren die Fäulnisdämpfe, die unaufhaltsam aus den Tiefen des Sumpfes hervordrangen, allgegenwärtig.

Ardon wandte sich wieder dem Fenster zu und kniff die blauen Augen zusammen, um besser sehen zu können. Sein Gesicht war ebenmäßig, fast feminin. Trotz seiner vierundzwanzig Jahre hatte sich noch kein Bartwuchs einstellen wollen, lediglich ein zartblonder Flaum zierte sein Kinn. Den dunkelgrauen Novizenumhang, der seine schlanke Gestalt umhüllte, hatte er mittels einer blauen Kordel an den Hüften geschnürt. Die Kapuze trug er zurückgeschlagen. Seine Füße steckten in wildbraunen Lederschuhen, die seine Zehen freiließen. Wie auch sein Meister war Ardon mit sechseinviertel Fuß überdurchschnittlich groß.

Ork überfallene KarawaneNichts als Sumpf, Wald und Steine, dachte er. Geisterland nannten die Orks das Gebiet, in dem Laszans alte Felsenburg lag, und Ardon fand den Namen sehr passend. Wenn er nachts wach lag und dem Heulen und Klagen lauschte, das die Burg einhüllte, dann war er um jeden der Bannsprüche froh, die sein Meister um das alte Gemäuer hatte legen lassen. Und die Geister waren nicht das Gefährlichste, was in dieser Gegend lebte, wobei leben vielleicht nicht das richtige Wort war. Auch wenn er nicht behaupten konnte, etwas in diesen Wäldern gesehen zu haben, so wusste er doch, dass es da war. Ein scharfes Knacken zwischen den Bäumen, eine Bewegung aus dem Augenwinkel oder die kurzen, spitzen Todesschreie der Waldtiere waren ihm Beweis genug. Ein alter elfischer Foliant, der sich mit den Legenden der Orks beschäftigte und den Ardon nur sehr ungenügend übersetzen konnte, hatte ihm die Geschichte eines Krieges erzählt, die über die Vorstellungskraft der Menschen hinausging. Die letzte Schlacht zwischen den Göttern und den Alten hatte das magische Gefüge zerrissen, und das, was aus diesen Rissen hervorgekrochen kam, schlich noch immer hier irgendwo herum. Am Ende waren die Alten, wer auch immer das gewesen war, besiegt und eingeschlossen worden, doch die Narben dieses Konfliktes zeichneten das Land bis heute. Und dieser Ort hier war einer dieser Narben. Die Orks wussten das. Es war verbotenes Land. Nie würden sie einen Fuß hierher setzen. Und genau deshalb war dieser Ort für Laszan und seine Pläne so ideal.

Ardon zog seinen Umhang fester um die Schultern. In seinem Kopf jagten sich die Gedanken. Etwas Großes schaffen, hatte sein Meister gesagt. Etwas Großes? Gewiss! Aber ein Kunstwerk? Ein kalter Druck breitete sich in Ardons Brust aus. Fühlte sich so ein Künstler, wenn sein Werk begonnen war? Hier ging es nicht darum, eine Statue zu erschaffen. Hier ging es um das Schicksal der drei Rassen. Ihr Rohstoff war nicht ein Block aus kaltem Stein, es waren die heißen Emotionen unzähliger Seelen. Und ihr Werkzeug waren nicht etwa Hammer und Meißel, nein, bei diesem Werkzeug handelte es sich um das pure Grauen.

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Zu spät!

Fackeln erhellten die Nacht als Orman mit seinen Männern auf die Mauern Kolfurts zuritt. Der Mond schimmerte rot auf den Fluten des Parzevals. Die Luft war noch immer mit dem Gestank des Brandes schwanger.

Flackerndes Licht ließ Schatten über eine frisch ausgehobene Grube zur Linken der Straße huschen. Fünf Männer standen dort und beobachteten die Reiter misstrauisch. Sie hatten sich Tücher vors Gesicht gebunden. Mehrere in grobes Leinen eingeschlagene Bündel lagen zu ihren Füßen im feuchten Gras. Aus einem der Bündel ragte eine zierliche Hand.

Orman zügelte seinen Rappen und blickte zu dem Hügel, der sich zwischen dem Massengrab und der Stadtmauer erhob. Hunderte von Menschen hatten sich dort versammelt.

Mit flauem Gefühl im Magen gebot Orman seinen Leuten zu warten und ritt die Flanke des Hügels hinauf. Zäh und unwillig teilte sich die Menge vor ihm. Schweigend starrten die Menschen ihn an. Ihre Blicke erzählten von Angst, Wut und Reue. Einige der fahlen Gesichter waren rußgeschwärzt. Andere wiesen Schrammen oder Verbände auf. Doch allen gemeinsam war das beklommene Misstrauen, mit dem sie den Hauptmann beäugten.

Zu spät! Patrars Worte hallten in Ormans Kopf wieder. Aber das hatte er nicht gemeint, oder? Und zu spät war ein sehr dehnbarer Begriff. Für die Menschen, die neben der Grube im Gras lagen, war es definitiv zu spät. Aber was ihn auf dem Hügel erwartete, machte ihm wirklich Sorgen. Es war diese Art von Hügel, der zu jeder Stadt gehörte, die eine eigene Gerichtsbarkeit besaß. Gut in Sichtweite, damit er seine abschreckende Wirkung aufrechterhielt, und doch so weit weg von den Mauern, dass der Gestank nicht ständig präsent war. Faszination und Bedrohung gingen davon aus, es war ein Ort der Endgültigkeit. Normalerweise waren diese Hügel kahl, doch in Kolfurt hatte man eine Reihe Bäume so angepflanzt, dass die eigentliche Hinrichtungsstätte von der Straße nicht sofort einsehbar war. Eine gnädige Maßnahme, die vermutlich dazu diente die Kaufleute und Händler, welche die Stadt am Leben hielten, nicht schon bei ihrer Ankunft abzuschrecken.

Wenige Augenblicke später erreichte Orman den Gipfel des Richthügels. Der alte Galgen war leer. Doch unweit davon hatten die Stadtbewohner ein neues Schafott zusammengezimmert. Große Teile des Baumaterials stammten offensichtlich von den riesigen Wagen mit der charakteristisch gebogenen Deichsel, die auf der anderen Seite des Hügels in einem kleinen Hain standen. Orman zählte ein Dutzend Fahrzeuge. Das frisch errichtete Gerüst aus drei Längs- und fünf Querbalken trug reichlich Früchte. Dicht aufgereiht hingen die Leichen der Orks: Männer, Frauen und Kinder – keiner war verschont worden.

Ja, dachte Orman, das bedeutet ‚zu spät‘.

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Fremde Sühne

Bleiche Schleier ziehen an den Gittern vorbei. Die Hammerschläge zeugen von Schicksal, von Unaufschiebbarkeit.

In der Zelle ist es kalt. Die klamme Feuchtigkeit ist allgegenwärtig. Der Blick des Gefangenen hängt noch einen Moment an dem Galgen; seinem Galgen. Er löst sich, schweift hinaus in die Welt. Er folgt dem Band aus nasser Erde, festgestampft von unzähligen Füßen und Hufen, das sich im Unbestimmten des Nebels verliert. Tote Bäume recken ihre Äste fingergleich gen Himmel; ungewisse Gestalten in den wabernden Schwaden. Stimmen und Hundegebell verlieren sich im grauen Dunst, vage und ortlos.

Seine Gedanken reißen seinen Blick weiter: über den nahen Wald zu den fernen Dünen; zerren ihn durch Raum und Zeit.

Er folgt den einsamen Spuren im Sand, die sein Schicksal besiegelten. Zu dem Haus auf der Klippe, verödet und verlassen, vom Wind gepeinigt, der die Fensterläden gegen die Fassade schlägt und durch jede Öffnung heult.

Erneut verharrt er, wie damals. Er konnte nicht weitergehen. Was ging es ihn an? Andere würden sich darum kümmern. Und was wusste er schon? Schatten in der Nacht, Bilder in der Trunkenheit; er hatte sich das alles eingebildet. Ja, so war es. Es gab hier nichts, was er tun musste. Er würde kehrt machen, würde zurückkehren zu seinem Platz im „Lustigen Seemann”. Nur ein Glas, mehr wollte er nicht.

Das Bild verschwimmt. Jetzt weiß er es besser. Es war nicht bei dem einen Glas geblieben; es blieb nie bei einem Glas. Er hatte da gesessen und getrunken, bis sie ihn abholten. Ob er in dem Haus an den Dünen war, hatte der Sheriff gefragt. »Ich? Nein!« Es war die Wahrheit. Seine Wahrheit. Sie hatten ihm nicht geglaubt. Warum auch? Jetzt, aus der Distanz, hätte er sich auch nicht geglaubt. Doch es war nicht seine Schuld. Er war nicht in dem Haus.

Wieder steht er vor den verfaulten Stufen, halb im Sand versunken. Er macht einen Schritt und das morsche Holz gibt nach, biegt sich unter ihm.

Die Eingangshalle ist leer, nur Staub und Ratten leben hier. Zögerlich läuft er auf die schmale Tür im Hintergrund zu. Einmal war er hier, damals, als der Sheriff ihn zurück an den Tatort brachte. Doch das ist nicht jetzt, es ist noch nicht geschehen. Diesmal geht er den Weg, den er gehen muss, den er schon damals hätte gehen sollen. Es wird nichts ändern, nicht für den Richter, nicht für die Geschworenen, nicht für die Familie. Aber für ihn. Seine Gedanken leiten seine Schritte in den Keller, der leer ist, in einer Gegenwart, die noch kommen wird. Doch jetzt ist er voll von Wahrheit, voll von Gespenstern der Schuld. Er blickt zu der Frau, die mit großen Augen in die Dunkelheit starrt, voller Angst auf das harrend, was da kommen mag. Und zu dem Fremden, dessen Tat er sühnt. Wenn er damals hineingegangen wäre, hätte er es ändern können. Da hatte sie noch gelebt. Er bewegt sich zögerlich auf den Fremden zu, der mit dem Rücken zu ihm steht. Irgendetwas an dem Mann kommt ihm bekannt vor. Er geht noch einen Schritt. Der Fremde dreht sich um.

Das Erkennen kommt langsam, wie das Erwachen aus einem tiefen Schlaf. Es trifft ihn wie ein Hammerschlag; schockiert ihn; erlöst ihn. Dann reißen ihn seine Gedanken zurück in die Gegenwart.

Er wendet sich ab, setzt sich auf die enge Pritsche. Das Hämmern aus dem Hof hat etwas Erlösendes angenommen, ein Klang von Sühne. Die Bilder des Vergangenen sind verblasst und doch fühlt er noch die Augen, die sich unsichtbar aus dem Nebel in seine Seele bohren. Zwei blaue Augen, eingerahmt von blonden Locken; anklagend; verloren und verängstigt.

Er weint.

An den Gittern ziehen die Nebel der Vergangenheit vorbei.

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