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Ein guter Plan

Hier habe ich für Euch einen Mini-Happen aus „Das Rad zerbricht„, dem ersten Teil von „Die Stadt der tausend Wasser„:

»Immerhin«, meinte Kelosa mit leicht spöttischem Unterton, »haben wir einen ausgegorenen Plan.«

»Sei still«, zischte Tino’ta und warf ihm einen gespielt vorwurfsvollen Blick zu. »Das kam einfach alles zu unvorhergesehen. Dann müssen wir eben ein wenig improvisieren. Zumindest haben wir einen guten Plan für unsere Flucht.«

Kelosa grinste. »Gut, weil es deiner ist, kleine Tino’ta, oder gut, weil ich die richtigen Verbindungen habe?«

»Gut eben. Das genügt.«

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Heilige Scheiße

»Heilige Scheiße, was ist denn das?« Die Stimme ertönte aus einem Loch im Boden. »Ihr werdet nicht glauben, was ich gefunden habe.«

»Doch«, antwortete ein schlaksiger Junge, der sich auf einen Baumstamm lümmelte. »Ich kann‘s mir denken. Immerhin gräbst du in einer Latrine. Was hast du da erwartet?«

»Ach, halt die Klappe, Martin«, erklang die Stimme erneut. Eine brünette Lockenpracht erschien, gefolgt von dem ovalen Gesicht einer jungen Frau. Ihre blauen Augen funkelten vor Aufregung. »Professor Ortmann, das müssen Sie sich ansehen. Bitte!«

Ortmann, ein kleiner Mann Anfang vierzig, auf dessen Halbglatze sich die untergehende Sonne spiegelte, trat zu der Grube. »Was hast du gefunden, Hanna?«, fragte er mit freundlicher Stimme. Dann weiteten sich seine Augen.

»Bestimmt einen extragroßen Bandwurm«, warf Martin ein und näherte sich ebenfalls den Überresten der alten Latrine. »Die halten sich in den vertorften Exkrementen besonders gut. Das ist wie ein trockenes Moor, entsprungen aus den Därmen unzähliger Legionäre. Es ist … Wow!« Sein Redefluss erstarb. Er starrte mit offenem Mund in die Grube. »Irgendetwas«, stammelte er, »ist hier furchtbar schief gelaufen.«

Knapp zwei Jahrtausende früher hielt das Schicksal den Atem an.

Leseprobe aus „Blutmond

Die Leseprobe gibt es auch als Hörprobe:

So erniedrigend

Es war so erniedrigend! Der Mensch hatte sie getragen! Wie ein kleines Kind! Immer noch verschnürt und hilflos hatte er sie aufgehoben und sich einfach über die Schulter geworfen. Ihre Versuche, sich aus seinem Griff zu befreien, waren vergeblich gewesen. Und jetzt hatte er sie auch noch dem anderen Menschen wie ein Brautgeschenk vor die Füße gelegt. Vor Wut hätte Tino‘ta heulen können. Wenn sie nur aus ihren Fesseln herauskäme, wenn sie doch nur ihre Arme wieder gebrauchen könnte, sie würde es diesen Menschen schon zeigen. Sie würde ihnen ihre Arroganz mitsamt ihrem Leben austreiben.

Sie richtete ihren Zorn auf den großen Mann, vor dessen Füßen sie nun lag und der sie mit einem gewissen Grad an Neugier und Überraschung betrachtete.

»Warum hast du sie gefangen?« In der Stimme des Mannes war kein Vorwurf, er akzeptierte die Entscheidung des Anderen, wollte aber den Grund verstehen.

»Das habe ich nicht, Hauptmann«, antwortete nun der Mann, der maximal ein Jahr älter war als sie selbst. »Ich habe sie so gefunden. Sie lag verschnürt wie ein Päckchen in einer Bodensenke. Vielleicht hat sie jemand dort verloren, obwohl ich eher glaube, dass sie demjenigen, der sie so fein eingeschnürt hat, entkommen ist. Es ist schwer, sie zu halten. Sie ist wie eine Wildkatze. Sie hat mich sogar in den Rücken gebissen.«

Der Mann, den der andere als Hauptmann angeredet hatte, kniete sich neben Tino‘ta nieder und sah ihr ins Gesicht. Sie überkam das seltsame Gefühl, seine grünen Augen vorher schon mal gesehen zu haben. Mit voller Kraft zerrte sie an ihren Fesseln, doch das Einzige, was sie bewirkte, war ein stechender Schmerz in der Schulter.

»Mein Name ist Orman.« Seine Stimme war tief und schwang in ihren Eingeweiden nach. Tino‘ta antwortet nicht. Ihre Augen sprühten Funken vor Zorn.

»Ich will wissen, was da vor uns passiert«, fuhr er nach einigen Augenblicken fort. »Irgendetwas geht heute Nacht in diesem Wald vor sich und ich denke, du kannst mir etwas darüber erzählen. Alles, was ich will, sind ein paar Antworten.«

Was bildete er sich ein?! Das war Orkland, wie konnte er hierherkommen und sie, gefesselt und hilflos, verhören, als sei sie der Eindringling und nicht er. Dass er dabei so ruhig blieb, machte alles noch schlimmer. Tino‘ta bäumte sich auf. Ein unartikulierter Zorneslaut drang aus ihrer Kehle, sie wollte ihn schlagen, ihn beißen, aber er wich nicht einmal zurück. Tränen der Wut liefen ihr übers Gesicht. Verzweifelt und erschöpft sank sie zurück auf den Waldboden.

»Du willst also nicht antworten? Oder verstehst du mich nicht?«

Natürlich hatte sie die Sprache der Menschen der Grenzlande gelernt. Eine Notwendigkeit für die Orks, die jedes Jahr durch diese Gegend zogen, um zu ihren Winterquartieren zu kommen, aber erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, dass er zu ihr nicht in seiner, sondern in ihrer Sprache gesprochen hatte. Ein Riss aus Verwirrung ließ den Damm der Wut brechen.

Ork Wagen 2»Nein! Ich will nicht!« Sie wusste, wie dumm ihre Worte klingen mussten. »Fühlt ihr euch stark, weil ihr eine gefesselte Frau verhöhnen könnt? Was haben wir euch getan? Wenn ihr uns vernichten wollt, dann versucht es doch im offenen Kampf! Aber dafür habt ihr keinen Mut. Das ist unser Land! Ihr habt hier nichts zu suchen. Ihr kommt hierher und führt euch auf, als wärt ihr die Herren. Ihr schlachtet unsere Kinder ab, vergewaltigt hilflose Mütter und verbrennt unsere Wagen. Warum? Ihr …« Tino‘ta verstummte. Sie hatte jede Reaktion von dem Menschen erwartet: Wut, Aggressivität, sogar ein Messer zwischen den Rippen, aber sie würde nie wieder diesen Ausdruck von Schmerz und Entsetzen vergessen, der für einen winzigen Moment in seinen grünen Augen aufleuchtete. Das Gefühl, in seine Seele geblickt zu haben, raubte ihrer Wut die Worte.

Orman richtete sich auf. Fast nebenbei wurde ihm bewusst, dass einige seiner Männer zu ihm getreten waren. »Schneide sie los«, befahl er an Lacaru gewandt. Und als er das Zögern des Mannes bemerkte, fügte er ein »Tu es« hinzu, das viel schärfer klang, als er beabsichtigt hatte.

»Du bist frei«, sagte er zu Tino‘ta.

»Was?«

»Nun, du kannst gehen. Wie du sagtest, es ist euer Land und ich habe weder das Recht noch die Absicht, dich hier festzuhalten. Ich werde auch allein herausfinde, was hier vor sich geht.«

Leseprobe aus „Der Traum der Jägerin

 

Du hast echt Schwein

 Sonntag, 25.02.2114, 18:14 Uhr MEZ, GfScI Teststation

»Du hast echt Schwein, mein Junge.« Der Mann mit den Sauäuglein hinter der Hornbrille klopft mir viel zu fest auf den Rücken. Ich kann ihn riechen. Er stinkt nach Schweiß und Zigaretten. Da ist noch ein anderer Geruch, den ich nicht identifizieren will.

»Wenn ich noch so jung wäre wie du, ich hätte mir den Schwanz ausgerissen, nur um das Baby fliegen zu können. Beim ersten Mal ist es immer am schönsten.«

Er grinst. Seine Bemerkung scheint ihn höllisch zu amüsieren. Sein Grinsen wird breiter. Er holt aus. Meine Muskeln sind bis zum Zerreißen angespannt. Dann der Schlag. Er hat mit wieder auf den Rücken geklopft.

»Diese Maschine ist einfach wundervoll. Es ist der beste Jäger, den wir je gebaut haben. Schau dir doch nur diese Linien an, mein Junge!«

Er scheint das Ding tatsächlich mit einem Raumjäger zu verwechseln. Das Ding kann nicht fliegen, es hat ja nicht mal einen Antrieb. Mein Blick schweift über das eigentümlich matte Gebilde, das lächerlich klein in dem großen Hangar wirkt. Ich habe alles geflogen, was GfScI im Programm hat, doch das hier ist ein Witz. Hoffentlich. Die Maschine ist kaum größer als mein Sofa. Sie sieht aus wie das flach geklopfte Projektil einer Handfeuerwaffe. Das Cockpitfenster zieht sich leicht geschwungen über das gesamte obere Drittel. Jetzt weiß ich, was es sein soll. Es muss sich um eine Rettungskapsel handeln. Das kann kein Jäger sein. Nein, ich hoffe nicht.

»Komm her, mein Junge.« Er hat damit begonnen, „das Baby“ zu streicheln.

Ich bin nicht „sein Junge“. Alles, nur das nicht.

»Komm her und fass sie an.«

Er wird noch von mir verlangen, dass ich mit dem Ding schlafe.

»Ist sie nicht wundervoll?«

Ekel überkommt mich. Ich stelle mir den Kerl in einer schmuddeligen Bar vor, wo er seine verschwitzten Hände über den Körper eines billigen Mädchens fahren lässt. Wie viel muss er einer Frau wohl zahlen, damit sie sich nicht übergibt? Ich schüttele den Gedanken ab und konzentriere mich wieder auf das merkwürdige kleine Ding, wobei ich versuche, möglichst interessiert und vielleicht sogar ein wenig begeistert auszusehen. Damit soll ich fliegen? Mein Blick schweift ab, fällt auf das riesige Hangartor. Nur ein leicht bläulich schimmerndes Kraftfeld trennt uns von der Unendlichkeit.

»… nur dieses Cockpit an, mein Junge.«

Ich zucke zusammen. Irgendwie hat es Mr. Schweiß geschafft, das Ding zu öffnen. Jetzt wirkt es erst recht lächerlich. Wie das Maul eines kleinen Tieres, vor Gier weit aufgerissen. Ich schaue mir das Innere der Maschine an. Jetzt weiß ich, dass es sich nur um einen Scherz handeln kann. Was ich sehe, bringt mich fast zum Lachen. Mr. Schweiß scheint meine Belustigung bemerkt zu haben. Er wirft mir einen leicht ärgerlichen Blick zu. Dann grinst er wieder.

»Das alles wirkt etwas spartanisch, das gebe ich ja zu, aber du kannst mir glauben, mein Junge, es ist alles vorhanden, was benötigt wird.«

Wirklich? Erneut betrachte ich das Innenleben des „Jägers“. Diesmal genauer. Ich sehe nicht mehr als beim ersten Mal. Ein Pilotensessel mit merkwürdig geformter Kopflehne, kein Steuerknüppel und ein leeres Armaturenbrett. Nein, nicht leer. Ein einzelner, dunkler Knopf thront wie ein lebloses Auge mitten in dieser Einöde. Sonst nichts.

»Ich verstehe schon, dass du dich etwas wunderst, mein Junge.«

Er soll mit diesem „Mein-Junge-Scheiß“ aufhören, bevor ich mich vergesse. Das Bild von eben ist wieder da. Die Bar, Mr. Schweiß und …, nein, diesmal nicht. Statt des Mädchens liege nun ich in seinem Arm. Mir ist übel.

»Hey, hörst du mir überhaupt zu?« Er stößt mich unsanft an. »Alles, was du zur Steuerung und Kommunikation benötigst, befindet sich hier«, er wischt seine Finger am Kopfende des Pilotensessels ab, »im Kopfteil des Sitzes.«

Er spinnt! Er ist total übergeschnappt. Oder irgendjemand erlaubt sich einen ganz miesen Scherz mit mir.

»Der Computer hat direkten Zugang zu deinem Gehirn.«

Mir fällt mein Mittagessen wieder ein – weich, heiß und undefinierbar.

»Du denkst, die TD-01 reagiert darauf.«

TD-01 – die Mülltonne mit Glasdeckel hatte sogar einen Namen.

»Alle deine Entscheidungen werden sofort und mit äußerster Präzision ausgeführt. Das Baby ist sozusagen dein zweiter Körper.« Er spinnt wirklich. »Und das Schönste«, jetzt kommt es, »du wirst es mir nicht glauben, mein Junge«, woher weiß er das nur? »Wir haben das erste Mal eine transdimensionale Einheit eingebaut.« Er hat recht, ich glaube ihm nicht; das ist doch Science-Fiction. »Du kannst eine minimale dimensionale Verschiebung herbeiführen, und niemand kann dir mehr etwas anhaben.« Er ist total verrückt. »Dafür haben wir auf den Einbau eines Schutzschildes verzichtet.« Danke, so wollte ich das schon immer haben. »Los, setz dich mal rein.«

Ich zögere und mein Blick gleitet noch einmal über das kahle Armaturenbrett. Dann bleibt er an dem Knopf haften.

»Was ist das?«

»Oh, der, der hat keinerlei Funktion mehr. Ein Relikt aus der frühen Entwicklungsphase. Du brauchst keine Armaturen und Anzeigen. Alle Informationen, die du während deines Fluges benötigst, spielt die TD-01 direkt in dein Gehirn ein. So und nun rein mit dir.«

Ein Albtraum. Ich steige in dieses Ding. Ich will nicht, aber ich tue es. Der Sitz ist überraschend bequem. Zu bequem. Mein Peiniger zwinkert mir zu. Sein Grinsen frisst sein Gesicht auf. Dann schließt sich das Cockpit geräuschlos und Mr. Schweiß verlässt den Hangar. Er winkt mir ein Mal zu. Dann bin ich allein. Falsch, wir sind allein, ich und der kleine dunkle Knopf auf dem Armaturenbrett.

Leseprobe aus „Der Knopf

Es hat begonnen

»Es hat begonnen.«

Die Worte, fast nur ein Flüstern, ließen Ardon erschauern. Etwas Tödliches berührte seine Seele und presste sie unerbittlich zusammen. Er atmete tief ein, schüttelte die Beklemmung ab und trat an die Seite seines Meisters. Trotz der Wärme des lauen Sommerabends, die durch die Fenster des Turmzimmers drang, fröstelte es ihn.

Vor den Augen der beiden Menschen erstreckten sich die Ausläufer des Barkan Gebirges tief in die grüne Finsternis des Hallach Waldes hinein. Schatten krochen zwischen den großen Bäumen des Waldes hervor, zuckten vor dem Licht zurück und verbargen sich wieder unter den uralten Bäumen. Mit einem flauen Gefühl im Magen betrachtete Ardon die Reiter, die der schlängelnden Linie des Pfades zwischen dem Sumpf und dem Forst folgten. Er konnte den Mann, welcher der gemischten Truppe voran ritt, kaum noch erkennen, aber seine Erinnerung an ihr letztes Treffen war noch frisch. Das schattenhafte Lächeln, das immer wieder in den ansonsten reglosen Zügen des Elfen aufblitzte, würde er genauso wenig vergessen wie dessen silbrig graue Augen. Sie waren wie ein Spiegel, in dem man seinen eigenen Tod sehen konnte.

Nun zügelten die Männer ihre Pferde, berieten sich kurz und folgten dann der alten Ork-Straße, die sie in einem weiten Bogen durch den Hallach nach Süden bringen würde. Wenige Minuten später zeugten nur noch gelegentlich Vogelschwärme, die aufgeregt das Blätterdach des Waldes durchbrachen, von der Route, der die Männer folgten.

»Wir hätten ihm nicht vertrauen sollen.« Ardon blickte bei diesen Worten weiterhin auf das sich vor ihm erstreckende Meer aus Bäumen. »Ich habe seinesgleichen noch nie leiden können.«

»Du verwunderst mich.« In Laszans Stimme schwang Belustigung mit. Der Priester legte seine Hand auf Ardons Schulter und drückte sie sanft. Fahle Haut, mit gelblichen Flecken übersät, spannte sich pergamentartig über die Knochen seiner Finger. Unter seiner schmucklosen, grauen Robe zeichnete sich sein ausgemergelter Körper ab. Mit seinen sechs Fuß war er hochgewachsen. Die Kapuze des Umhangs hatte er so weit vorgezogen, dass sein Gesicht vollkommen im Schatten verborgen lag. Fast schien es, als scheue der alte Priester das Licht des Tages. »Ich hätte dich nicht für einen Rassisten gehalten.«

»Das meine ich nicht«, sagte Ardon und war einen Moment selbst nicht sicher, ob das stimmte. »Es ist mir egal, ob er ein Elf ist oder was auch immer. Es ist seine Zunft, die mich abstößt. Wie kann man einem Mann trauen, der in dem Leben Anderer nur etwas sieht, das man in Münzen aufwiegen kann. Er macht mir Angst.«

»Solange es unsere Münzen sind, sollte dich das nicht beunruhigen.« Die Belustigung war aus Laszans Stimme verschwunden, als er fortfuhr: »Aber du irrst dich, was Vehstrihns Motivation anbetrifft. Und das, mein lieber Ardon, sollte dir wirklich Angst machen.« Seine letzten Worte waren nur noch ein Flüstern. Mit einer fließenden Bewegung, die man einem Mann, der die siebzig Lenze schon lange hinter sich gelassen hatte, gar nicht zutrauen würde, wandte der Priester sich vom Fenster ab. Er durchquerte den ovalen Turmraum mit wenigen Schritten und begann mit dem Abstieg. Kurz bevor ihn der steinerne Treppenabgang endgültig verschlungen hatte, drehte er sich noch einmal zu seinem Schüler um.

»Es ist gut, Angst zu haben, Ardon, denn die Angst macht dich vorsichtig. Nur ein Narr hat keine Angst, wenn er mit einem gefährlichen Werkzeug arbeitet. Und die Friedhöfe sind voll von Narren. Doch wenn man sich der Gefahr bewusst ist und das Werkzeug mit Bedacht handhabt, dann kann man ein Kunstwerk schaffen, das die Zeiten überdauert. Und Vehstrihn ist fürwahr ein Werkzeug, das, von den richtigen Händen geführt, in der Lage ist, ein Monument von schier unvorstellbarer Schönheit zu schaffen.«

Ardon starrte noch einige Momente auf die Stelle, an der sein Meister soeben das Turmzimmer verlassen hatte. Ein lauer Windstoß fegte durch das Fenster hinter ihm und ließ seine aschblonden Haare um seine Schultern wehen. Er brachte den Gestank von Verwesung mit sich. Selbst hier oben, in der alten Felsenfestung, die sich an die fast lotrechten Flanken des Berges klammerte, waren die Fäulnisdämpfe, die unaufhaltsam aus den Tiefen des Sumpfes hervordrangen, allgegenwärtig.

Ardon wandte sich wieder dem Fenster zu und kniff die blauen Augen zusammen, um besser sehen zu können. Sein Gesicht war ebenmäßig, fast feminin. Trotz seiner vierundzwanzig Jahre hatte sich noch kein Bartwuchs einstellen wollen, lediglich ein zartblonder Flaum zierte sein Kinn. Den dunkelgrauen Novizenumhang, der seine schlanke Gestalt umhüllte, hatte er mittels einer blauen Kordel an den Hüften geschnürt. Die Kapuze trug er zurückgeschlagen. Seine Füße steckten in wildbraunen Lederschuhen, die seine Zehen freiließen. Wie auch sein Meister war Ardon mit sechseinviertel Fuß überdurchschnittlich groß.

Ork überfallene KarawaneNichts als Sumpf, Wald und Steine, dachte er. Geisterland nannten die Orks das Gebiet, in dem Laszans alte Felsenburg lag, und Ardon fand den Namen sehr passend. Wenn er nachts wach lag und dem Heulen und Klagen lauschte, das die Burg einhüllte, dann war er um jeden der Bannsprüche froh, die sein Meister um das alte Gemäuer hatte legen lassen. Und die Geister waren nicht das Gefährlichste, was in dieser Gegend lebte, wobei leben vielleicht nicht das richtige Wort war. Auch wenn er nicht behaupten konnte, etwas in diesen Wäldern gesehen zu haben, so wusste er doch, dass es da war. Ein scharfes Knacken zwischen den Bäumen, eine Bewegung aus dem Augenwinkel oder die kurzen, spitzen Todesschreie der Waldtiere waren ihm Beweis genug. Ein alter elfischer Foliant, der sich mit den Legenden der Orks beschäftigte und den Ardon nur sehr ungenügend übersetzen konnte, hatte ihm die Geschichte eines Krieges erzählt, die über die Vorstellungskraft der Menschen hinausging. Die letzte Schlacht zwischen den Göttern und den Alten hatte das magische Gefüge zerrissen, und das, was aus diesen Rissen hervorgekrochen kam, schlich noch immer hier irgendwo herum. Am Ende waren die Alten, wer auch immer das gewesen war, besiegt und eingeschlossen worden, doch die Narben dieses Konfliktes zeichneten das Land bis heute. Und dieser Ort hier war einer dieser Narben. Die Orks wussten das. Es war verbotenes Land. Nie würden sie einen Fuß hierher setzen. Und genau deshalb war dieser Ort für Laszan und seine Pläne so ideal.

Ardon zog seinen Umhang fester um die Schultern. In seinem Kopf jagten sich die Gedanken. Etwas Großes schaffen, hatte sein Meister gesagt. Etwas Großes? Gewiss! Aber ein Kunstwerk? Ein kalter Druck breitete sich in Ardons Brust aus. Fühlte sich so ein Künstler, wenn sein Werk begonnen war? Hier ging es nicht darum, eine Statue zu erschaffen. Hier ging es um das Schicksal der drei Rassen. Ihr Rohstoff war nicht ein Block aus kaltem Stein, es waren die heißen Emotionen unzähliger Seelen. Und ihr Werkzeug waren nicht etwa Hammer und Meißel, nein, bei diesem Werkzeug handelte es sich um das pure Grauen.

Leseprobe aus „Der Traum der Jägerin
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