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Das Rad zerbricht

Am 15.07. geht es weiter mit Tino’ta. „Das Rad zerbricht“ ist der Titel der neuen Episode, die den ersten Teil des Bandes „Die Stadt der tausend Wasser“ beinhaltet. Die einzelnen Episode kommen zuerst als eBooks heraus. Wenn alle Teile veröffentlicht sind, wird das Taschenbuch veröffentlicht.

Bis dahin kann ich denen von Euch, die Tino’ta noch nicht kennen, gerne nochmals „Der Traum der Jägerin“ ans Herz legen. Das Buch gibt es auch als Episoden Edition zum Taschengeldpreis.

Der Traum der Jägerin” – Episodenliste:

Teil 1: Schattenlöwen
Teil 2: Verbranntes Fleisch
Teil 3: Die Worte der Toten
Teil 4: Überraschungen in der Nacht
Teil 5: Das falsche Bild
Teil 6: Der Orkrat 

Mehr Infos zu den Episoden gibt es hier: obsitia.wordpress.com/episoden-edition

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Verbranntes Fleisch

Der Regen war stärker geworden, doch Tino‘ta bemerkte es nicht. Wie betäubt bewegte sie sich zwischen den Überresten des Wagenzuges. Der Wind versetzte die Oka Bäume in ein beständiges Rauschen. Das aufgeregte Geschrei von Vögeln mischte sich mit dem Keifen der Pavahunde, sie sich um ihre Beute stritten. Gelegentlich knackte es in dem noch immer schwelenden Holz. Weißer Dampf stieg zischend auf, wo der Regen auf die verbleibenden Glutnester fiel. Der Brandgeruch war allgegenwärtig. Er hatte den Duft des Morgens vertrieben. Verschmortes Holz, Haare und Fleisch, der Gestank trieb Tino‘ta die Tränen in die Augen. Da waren noch andere Ausdünstungen. Bei jedem ihrer Schritte drängte sich eine weitere in den Vordergrund und verblasste wieder: Urin, verschmorter Kot und der metallische Geruch von Blut. Tino‘ta blieb stehen, um einen abgebrochenen Pfeil zu betrachten, der aus einer verkohlten Deichsel ragte. Ihre Hand glitt über den Schaft und verharrte kurz an der Bruchstelle. Eine zierliche Gestalt, halb unter dem Wagen verborgen, zog ihre Blicke an. Es war ein kleines Mädchen, die weit aufgerissenen Augen starr, die Hand im Tod fest um die Puppe eines Laufvogels geklammert. Vergangenheit und Gegenwart drängten gleichermaßen auf Tino‘ta ein. Ein anderes Orkmädchen tauchte in ihrer Erinnerung auf, das verzweifelt versuchte die geliebte Puppe hinter ihrem Rücken zu verbergen – vergeblich. Es war der Tag, an dem ihre Mutter ihr eröffnete, dass sie nun zu alt sei, um noch ein Kind zu sein. Damals hatte sie es nicht verstanden. Noch Stunden später hatte sie weinend vor dem Feuer gesessen, in dem ihre Mutter die Puppe verbrannt hatte; es waren die letzten Tränen ihrer Kindheit. Doch dann war die Zeit gekommen, die alles veränderte. Sie war erwachsen geworden. Ein vollwertiges Mitglied des Klans. Und mit einem Mal war die Kinderzeit vergessen; das geliebte Spielzeug nur noch ein Schatten der Vergangenheit.
Bis jetzt.
Ork überfallene KarawaneTino‘ta ging in die Hocke. Sanft schloss sie die Augen der Kleinen und legte ihr die Puppe auf die Brust. Dann erst zog sie den leblosen Körper vollständig unter dem Wagen hervor und hob sie vorsichtig auf. Obwohl sie es besser wusste, hatte sie das Gefühl, sie dürfe den Schlaf des Mädchens nicht stören. Sie richtete sich auf und begann, sich den Weg aus dem Trümmerfeld hinaus zu suchen. Die Wagen hatten Tino‘ta immer ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Die riesigen Räder, die sie selbst dann noch überragten, wenn sie auf Na’tarva ritt, die massiven Aufbauten, die die Habe der Sippe und die Kinder trugen und die mächtigen, gebogenen Deichseln, an denen die Muhvak-Stiere angejocht wurden. All das hatte sie bisher mit Heimat verbunden. Jeder Ork, der nicht zu alt zum Wandern war, verbrachte die Hälfte seines Lebens in den Wagen. Abends, wenn sie sich einen Platz zum Rasten suchten, stellten die Wagenführer ihre Gefährte in einem Kreis auf, die Deichseln nach innen gerichtet. Dann wurden Planen von Deichsel zu Deichsel gespannt, so dass ein gewaltiger Zeltkreis entstand, der seine Bewohner vor Wind und Wetter schützte. In der offenen Mitte dieser Wagenburg brannte das große Feuer. Hier brieten die Frauen das Fleisch, und wenn die Dunkelheit kam, erzählten die Männer Geschichten aus vergangenen Tagen, während sich die Kinder in die Arme ihrer Mütter kuschelten. Die schweren Wagen selbst dienten als Abschirmung gegen Tiere und etwaige Feinde. Es entstand eine Festung, in der die Orks sich behütet fühlen konnten. Zusammen mit den Kriegern, die jeder Sippe angehörten, bildete die Wagenburg den vollkommenen Schutz der Sippe – der Familie. Die Kinder wussten es, die Mütter wussten es und auch Tino‘ta wusste es … bis heute. Wer auch immer die Orks hier abgeschlachtet hatte, sie hatten ihn nicht als Feind betrachtet, bevor es zu spät war. Und so nahe an der Grenze zu den Ländern der Menschen konnte es nur einen Schuldigen geben.
Tino‘ta zwängte sich zwischen einem zerbrochenen Rad und dem Kadaver eines Muhvak-Stiers hindurch. Die verdrehten Augen des großen Tieres standen offen. Seine Zunge, die die Länge von Tino‘tas Arm hatte, hing ihm aus dem Maul. Für einen Moment übertünchte der Gestank seines nassen Felles alle anderen Gerüche.
Tino‘ta erreichte die Stelle, an der schon sieben andere Leichen lagen. Vier Frauen im fortgeschrittenen Alter, ein Mann, dessen Kopf sie noch nicht hatten finden können, und zwei Jungen. Bedächtig legte sie den Körper des Mädchens neben den Frauen ab. Dann wischte sie sich Ruß und Tränen aus dem Gesicht und marschierte entschlossen zurück zu der Wagenburg.

Sie kehrte zu der Stelle zurück, an der das Kind gelegen hatte. Um weiter vorzudringen, musste sie eine Barriere aus zerbrochenen Fässern überwinden. Direkt dahinter fand sie die nächste Leiche. Diesmal musste sie erst einen Pavahund vertreiben, der nur widerwillig von seiner Beute abließ. Der kleine Aasfresser fauchte sie an, besaß aber nicht den Mut ihr entgegenzutreten. Nachdem sie mehrmals auf den Boden gestampft und einen kleinen Stein nach ihm geworfen hatte, zog er schließlich winselnd von dannen.
Entsetzt starrte sie auf die Tote. Sie hätte nicht gedacht, dass ihr ein Anblick noch näher gehen konnte als der des toten Mädchens. Nun musste sie sich eingestehen, dass sie sich geirrt hatte. Die junge Frau war kaum älter als sie selbst. Man hatte sie entkleidet und an ein Wagenrad gebunden. Ihr einst hübsches Gesicht war mit Tränen und Blut verschmiert. Der Strick, mit dem sie erdrosselt wurde, hing noch immer um ihren Hals. Tino‘tas Kehle wurde trocken. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr aufhalten. Niemand durfte so etwas tun. Nicht so. Aber es war nicht die Art, wie die junge Frau gestorben war, die Tino‘ta am meisten mitnahm, es war die Tatsache, dass sie schwanger gewesen war.
Verzweifelt wandte sich Tino‘ta ab, doch wohin sie auch schaute, überall lagen Tote; erschlagen, erdrosselt, ausgeweidet. Das war kein Kampf gewesen, sondern Mord.

»Etwas stimmt hier nicht«, Kelosas Stimme ließ Tino‘ta herumwirbeln. Der große Jäger war über und über mit Ruß bedeckt. An seinen Armen klebte Blut, das nicht von ihm stammte.
»Etwas stimmt nicht?«, stieß sie hervor. Wut funkelte in ihren Augen. »Jemand schlachtet unschuldige Kinder und Frauen ab und alles, was dir dazu einfällt, ist: Etwas stimmt nicht?«
»Du verstehst mich falsch«, verteidigte sich Kelosa. »Ich meine nicht diese Gräueltaten, sondern die Umstände.«
Tino‘ta sah ihn verwirrt an. »Wie meinst du das?«
»Schau dich doch um. Hier stehen die Überreste von sieben Wagen. Hast du jemals gehört, dass eine Sippe nur mit sieben Wagen durch diesen Landstrich gezogen ist?«
»Vielleicht wurden sie von den anderen getrennt? Oder der Rest der Sippe ist nach dem Kampf weitergezogen.«
»Und hat die Toten so zurückgelassen? Niemals!«
Kelosa bückte sich und hob etwas vom Boden auf. Es sah aus wie ein zerbrochenes Schmuckstück. Nachdenklich drehte er es zwischen den Fingern.
»Und noch etwas«, fuhr er nach einer Weile fort. »Hier liegen mehr Leichen und tote Zugtiere, als dass es nur sieben Wagen gewesen sein können. Vielleicht haben sie die Wagen irgendwo leer zurücklassen müssen. Alles in allem sieht das hier aus, als wäre es wie eine normale Sippe gewesen. Aber etwas fehlt.«

Leseprobe aus „Der Traum der Jägerin

Ein Bier noch

»Ein Bier noch. Bitte.«

»Nein, Ihr habt schon genug gehabt. Das Zeug bringt Euch eines Tages noch um.«

Behutsam entzog sich die Frau dem Griff des Mannes. Mit einer geübten Bewegung stellte sie den umgefallenen Krug wieder auf den Tisch, während sie mit der anderen Hand das vergossene Bier aufwischte.

»Lasst ihn doch«, tönte eine raue Stimme durch kleinen Schankraum. »Was schadet es denn, wenn er sich tot säuft? Wahrscheinlich ist es sogar genau das, was er vorhat.«

Der Redner, ein hochgewachsener Mann Mitte zwanzig, grinste breit. Er trug edle Kleidung und passte nicht so recht in die bescheidene Taverne. Was er sagte, schien ihm selbst gut zu gefallen. Er strich sich das blonde Haar zurück und blickte vergnügt zu seinen beiden feixenden Begleitern. Seine blauen Augen funkelten.

»Wirt!«, rief er, wobei er darauf achtete, dass ihn auch alle sehen konnten. »Noch eine Maß für unseren Gerbald. Seine Kriegerseele braucht Balsam.«

Die brünette Schankmaid packte den leeren Bierkrug und warf dem jungen Mann einen scharfen Blick zu. Dann sah sie den Wirt an und schüttelte leicht den Kopf.

»Er hat mal wieder zu viel getrunken«, sagte sie an diesen gewandt. »Ich richte ihm einen Schlafplatz in der Scheune. In diesem Zustand sollte er besser nicht mehr nach Hause laufen.«

»Was?«, meldete sich der Blonde direkt hinter ihr. Eine Hand legte sich um ihre Hüfte. »Dem Säufer richtet Ihr ein Bett, und mir wollt Ihr nicht einmal einen Kuss gönnen?«

Sie fuhr herum, den Arm mit dem Krug weit ausholend. Doch der Mann kam ihr zuvor. Geschickt fing er ihren Schlag ab und zog die zierliche Frau zu sich heran. Verzweifelt wand sie sich in seinem Griff.

»Lasst mich los, Harald! Ihr tut mir weh!«

»Stellt Euch nicht so an. Ich werde Euch nichts tun. Alles, was ich will, ist ein kleiner Kuss.«

»Lasst sie in Ruhe«, ließ der Wirt vernehmen. Er hatte die Theke umrundet und trat auf die beiden zu. »Wenn Lilian sagt, dass sie nicht will, dann solltet Ihr das akzeptieren, oder …«

»Oder was?« Harald stieß Lilian von sich und wandte sich dem Wirt zu. »Wollt Ihr mir sagen, was ich zu tun habe? Wollt Ihr, dass ich zu meinem Vater gehe und ihm erzähle, dass Ihr Euch in unsere Angelegenheiten einmischt? Vielleicht seid Ihr ja der Meinung, dass Ihr zu wenig Steuern zahlt?«

Der Wirt schüttelte den Kopf und trat zurück hinter die Theke. Als sein Blick den Lilians traf, senkte er ihn rasch zu Boden.

»Nachdem das nun geklärt ist«, fuhr Harald munter fort, »könnt Ihr unserem großen Krieger da drüben ja sein Bier bringen.«

»Warum tut Ihr das?«, fragte Lilian. In ihren grünen Augen schimmerten Tränen. »Was hat Euch Gerbald getan? Lasst ihn doch einfach in Ruhe.« Sie sah zu dem Mann, der zusammengesunken auf seinem Stuhl saß.

Seine Augen blickten unstet, fanden keinen Fokus. Der verwahrloste Bart enthielt angetrockneten Schaum und die Reste seiner letzten Mahlzeit. Das schwarze Haar war mit ersten grauen Strähnen durchsetzt, hing ihm wirr ins Gesicht und verdeckte fast die Narbe, die seine linke Wange zeichnete. Seine Haut war fahl und aufgeschwemmt.

Lilian trat zwischen ihn und Harald.

»Was findet Ihr nur an diesem Trunkenbold?« Harald schob sich näher an sie heran. »Er ist doch nicht mehr als ein Wrack. Wenn er noch nicht zubesoffen ist zum Reden, erzählt er von der guten alten Zeit. Erzählt von Schlachten, die er angeblich geschlagen haben will, und von seinen Heldentaten, die ihm sowieso niemand glaubt. Gegen die Sarazenen will er gekämpft haben und kann doch nicht einmal gerade laufen. Er ist nichts als ein sabbernder Suffkopf, der nicht mehr zwischen Erinnerung und Fantasie unterscheiden kann. Ich habe meinen Vater gefragt. Niemals hat er von einem Ritter namens Gerbald von Habenstein gehört. Sogar sein Name entspringt seinen Bierträumen, erkennt Ihr das nicht?«

Harald trat an Lilian vorbei und baute sich vor Gerbald auf.

»Nicht wahr?«, fragte er mit erhobener Stimme, »Ihr seid gar kein Ritter, wie Ihr uns weismachen wollt. Ihr seid nichts als ein elender Lügner. Und ein versoffener Aufschneider noch dazu.«

Mit einem Mal kam Leben in Gerbald. Er sprang auf und griff nach Harald. Doch er fasste daneben, der Schwung trug ihn an dem jungen Mann vorbei, und er stürzte zu Boden. Schwankend kam er wieder auf die Beine.

»Nimm das sofort zurück«, presste er mühsam hervor. Nur mit Schwierigkeiten konnte er die Worte artikulieren. »Ich bin, was ich sage. Ich …,ich bin …,ich

»Klar seid Ihr das«, erwiderte Harald lachend, »Ihr seid Ihr, der versoffene Lügner.«

»Ich bin kein Lügner. Ich bin mit König Ludwig gegen die Sarazenen geritten. Wir waren zusammen in Ägypten. Fragt Euren Vater. Er war auch dabei.« Er schwieg einen Moment und sein Blick verlor sich in den Tiefen der Vergangenheit. »Meistens jedenfalls«, fügte er fast unhörbar hinzu.

»Ihr seid also ein mutiger Krieger?« Haralds Stimme nahm einen bösartigen Unterton an. »Dann werdet Ihr das bestimmt auch beweisen wollen. Könnt Ihr das Land nicht vor einer ungeheuerlichen Gefahr retten?« Seine beiden Freunde, die noch am Tisch saßen, grinsten breit.

»Was für eine Gefahr?«

»Oh, nichts, womit ein so tapferer Krieger wie Ihr nicht fertig werden würde. Ich meine den Wolf und den Geist.«

»Nein!« Lilian stieß einen spitzen Schrei aus. »Das könnt Ihr nicht ernst meinen. Niemand, der nach dem Wolf und dem Geist gesucht hat, ist jemals wieder zurückgekehrt.«

»Mag sein«, erwiderte Harald mit dem unschuldigen Lächeln einer Klapperschlange, »aber jene waren auch nur abenteuerlustige Dummköpfe. Keiner von ihnen war ein echter Krieger, so wie unser Gerbald hier. Und außerdem«, fuhr er an Lilian gewandt fort, »sind das alles nur Gerüchte, um die Reisenden zu erschrecken, die verrückt genug sind, den Ostwald und das Moor nach Sonnenuntergang zu durchqueren.« Die letzten Worte hatte er so leise gesprochen, dass nur Lilian sie hören konnte.

Wütend funkelte sie ihn an. »Er wird sich im Moor verirren und den Tod in einem der Sumpflöcher finden. Wollt Ihr das wirklich verantworten?«

»Keine Angst, so weit wird es nicht kommen. Er macht sich schon lange vorher in die Hosen.« Harald winkte seine beiden Begleiter herbei. Er zeigte auf Gerbald, der krampfhaft versuchte, sich auf den Beinen zu halten. »Los, packt an. Wir bringen den Helden nach Hause, auf dass er sich rüsten kann.«

***

Harald, seine Männer und eine Handvoll Tavernenbesucher, die das Spektakel nicht verpassen wollten, waren ausgelassener Stimmung. Doch im Dunkel der Nacht klangen ihre Stimmen verloren, und ihr Lachen wurde von den Nebelschwaden, die zwischen den Hütten lauerten, aufgesogen. Rasch kehrte Stille ein.

Schweigend rückte die kleine Gruppe enger zusammen, während sie dem Rand des Dorfes und damit der Hütte des Kriegers näher kamen. Die Geschichten, die eben noch so fern gewesen waren, kehrten sogleich in ihre Erinnerung zurück. Jeder von ihnen hatte schon vom Wolf und dem Geist gehört. Der Legende nach hausten die beiden in den Sümpfen, die den Ostwald, der in Blickweite des Dorfes lag, durchzogen.

Wenn die Nacht und mit ihr die Nebel kamen, dann verließen Wolf und Geist ihre Ruhestätte, so hieß es, um nach verirrten Reisenden zu suchen. So mancher Alte erzählte, dass die beiden in besonders nebligen Nächten sogar direkt durchs Dorf zu schleichen wagten. Ihre Opfer schleppten sie dann in den nahe gelegenen Sumpf, wo man sie, wenn überhaupt, am nächsten Morgen ertrunken auffand. Bei Tageslicht oder im Schutz einer sicheren Hütte wurden diese Vorfälle schnell als Unfälle abgetan, doch nun, während sich die Gruppe durch den immer dichter werdenden Nebel bewegte, wurden die Legenden plötzlich zu einem bedrohlichen Schatten. Jeden Moment rechneten sie damit, die Silhouette eines aufrecht gehenden Wolfes oder das fahle Leuchten des Geistes im Nebel auftauchen zu sehen. Schritt für Schritt eilten sie schneller voran, bis sie endlich Gerbalds Hütte erreichten. Tief durchatmend drängten sich die Menschen in den kleinen, muffigen Wohnraum.

Außer dem spärlichen Nachtlager und einer großen Truhe enthielt die Hütte nur wenige, größtenteils auf dem Boden verstreut liegende Habseligkeiten. Achtlos in eine Ecke geworfen lugte ein Schild unter einem Haufen undefinierbarer Stofffetzen hervor. Zielstrebig ging Harald darauf zu. Mit spitzen Fingern entfernte er die alten Kleidungsstücke, und zum Vorschein kam eine Rüstung. Sie war verbeult und angelaufen. Das darauf liegende Schwert war schartig und von einer dünnen Schicht Flugrost überzogen.

»Ah, edler Ritter«, intonierte er, wobei er sich andeutungsweise vor Gerbald verneigte. »Ich sehe, dies sind Eure erlesene Rüstung und Euer magisches Schwert. Ihr habt doch sicher nichts dagegen, wenn wir Euch beim Ankleiden helfen, oder?« Mit diesen Worten winkte er seine beiden Begleiter heran. Den hasserfüllten Blick Lilians quittierte er mit einem triumphierenden Lächeln.

***

Eine halbe Stunde später stand Gerbald, gerüstet und gegürtet, vor seiner Hütte. Er schwankte leicht.

Harald betrachte zufrieden sein Werk. Nun konnte man Gerbald wirklich für einen Ritter halten, wenn auch für einen, der gerade von einem Schlachtfeld auferstanden war.

Sein Brustpanzer hatte Schlagseite, Arm- und Beinschienen hingen mehr schlecht als recht an ihren spröde gewordenen Lederriemen. Das Schwert baumelte schlapp in der maroden Scheide und in seinem Gürtel steckte ein alter Dolch. Sein Helm saß schief, und das Visier ließ sich nicht richtig schließen. Ein zu groß geratener Brotbeutel hing bis zum Knie herab. Rostflecken bedeckten weite Teile der Rüstung und wiesen im Mondlicht eine erschreckende Ähnlichkeit mit getrocknetem Blut auf. Gerbalds fahle Gesichtsfarbe und sein unbeteiligter Blick, der starr in die Dunkelheit gerichtet war, verstärkten den bizarren Gesamteindruck.

»Das reicht, Ihr hattet Euren Spaß!« Lilian stellte sich schützend vor Gerbald. Ihre Augen funkelten. »Lasst ihn endlich in Ruhe. Wenn er in seinem Zustand da hinausgeht, wird er sterben. Dazu braucht es weder Wolf noch Geist.«

Betretenes Schweigen war die Antwort. Niemand außer Harald wagte es, sie anzusehen.

Doch dann war es Gerbald, der die Stille brach.

»Es ist nicht ihre Entscheidung.« Ihm war anzuhören, dass er große Mühe hatte, klare Sätze zu formen. »Ich werde gehen. Ich werde mich dem Wolf und dem Geist stellen. Ich werde allen beweisen, dass ich kein Lügner bin. Ich bin ein Ritter.«

Mit diesen Worten wandte er sich um und lenkte seine schwankenden Schritte auf die Oststraße, die in Richtung Wald führte. Nach kurzer Zeit war er im Nebel verschwunden.

»Da geht er hin, der Narr«, sagte Harald und lachte verächtlich. »Wahrscheinlich kommt er nur bis zum Waldrand, wo er dann seinen Rausch ausschläft. Und morgen weiß er von nichts mehr. Lasst uns gehen.« Sein Blick blieb an einem Punkt im Nebel hängen, der etwas heller als die Umgebung zu sein schien. Für einen kurzen Moment glaubte er, eine zierliche Gestalt in einem wallenden weißen Gewand ausmachen zu können. Dann war die Erscheinung wieder verschwunden.

Plötzlich fröstelte es ihn.

 

Leseprobe aus „Der Wolf und der Geist

Geheimarchiv der Sehnsucht

Zu dir, so schreit mein wundes Herz,
nach dir nur sehnt es sich.
Zu dir! Es bäumt sich auf vor Schmerz.

Es war ein eisiger Winterabend, an dem ich eine Seite an meinem Vater entdeckte, von der ich zuvor nichts geahnt hatte. Und das, obwohl er schon vor über drei Jahrzehnten verstorben ist. Als ich das kleine Büchlein meines Vaters mit der Aufschrift „Geheimarchiv“ das erste Mal in der Hand hielt, ahnte ich noch nicht, was es enthielt. Erst Monate später entdeckte ich sein Geheimnis.

Geheimarchiv der Sehnsucht - eBookAlles nahm seinen Anfang, als mir meine Mutter ein altes Notizbuch meines Vaters in die Hand drückte. Das Büchlein, das den Titel „Geheimarchiv“ trug, enthielt auf der ersten Seite je ein Gedicht von Schiller und Goethe. Dann folgte ein kurzer Bericht über eine Reise nach Paris, die vor etwa 55 Jahren stattgefunden haben muss. Die folgenden Seiten waren leer.

Erst viele Monate später fiel mir das Büchlein erneut in die Hände, als ich meine chronisch überfüllte Bibliothek um ein Regal erweiterte. Ich hatte es quer über einige alte Bücher gelegt. Gedankenverloren öffnete ich es in der Mitte und stieß auf ein kleines Gedicht. Neugierig geworden, blätterte ich ein wenig in dem Büchlein und entdeckte weitere Textstellen, immer wieder durch eine unregelmäßige Anzahl unbeschriebener Seiten getrennt. An diesem Abend, an dem der Taunus in frostiger Kälte erstarrt war, kuschelte ich mich warm ein, nahm mir das Büchlein zur Hand und ging es Seite um Seite durch. Erst nach zwei Dutzend unbeschriebenen Seiten und zwei enttäuschenden Textfragmenten stieß ich auf einen Block mit mehreren Gedichten. Das zweite davon, „Menschen?“, faszinierte mich durch seine Kürze, Geschwindigkeit und vor allem durch seine Aussage. Es folgten noch weitere Gedichte und Textfragmente, die sich mit Blöcken leerer Seiten abwechselten. An diesem Abend reifte der Entschluss in mir, die kleinen Poeme der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Am nächsten Tag setzte ich mich an meinen Schreibtisch und begann die Textstellen zu katalogisieren, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Oft handelte es sich nur um einen Vers oder eine Zeile, die gegebenenfalls an anderen Stellen des Büchleins wieder aufgegriffen wurde.
Die Gedichte, die vollständig waren, habe ich in diese Sammlung aufgenommen. Zwei davon, Menschen? und Liebesnot habe ich schon auf diesem Blog veröffentlicht.

Der Sammelband mit Gedichten von Dr. Wolfgang Kron ist als eBook und als Taschenbuch erhältlich.

Er liebt, doch glücklich ist er nicht. 

Totentanz

Totentanz - eBook„Blut auf den Händen; Blut auf der Seele; Blut, das ihren Bund besiegelt, das sie untrennbar macht. Ein Opfer für die Liebe.“ So beginnt die erste Geschichte in „Totentanz“. In dieser Sammlung habe ich sechs Kurzgeschichten vereint, die alle eines gemeinsam haben: den Tod. Aber dass heißt nicht, dass es sich hierbei um blutrünstige Storys handelt, sondern wir begeben uns auf eine Reise in die Seelen der Menschen und begegnen den unterschiedlichen Gefühlen, welche die Protagonisten beim Thema Tod bewegen: Angst, Reue, Gier aber auch Hoffnung und Liebe.

„Totentanz“ ist als eBook (Amazon Kindle, Kobo ePUB und XinXii ePUB) sowie als Taschenbuch erhältlich.

Klappentext: Seelen verschmelzen für die Ewigkeit, der Tod verliert seine Bedeutung und die Angst ist ein ständiger Begleiter in den sechs tödlichen Geschichten der Anthologie »Totentanz« von J.R. Kron.

Eine verbotene Affäre zwingt die junge Geliebte zu einer unorthodoxen Lösung, ein Gefangener wartet auf sie Sühne, ein Mord im alten Rom zieht seine Fäden bis ins entfernte Germanien, drei Kreuzritter begegnen in den Katakomben der heiligen Stadt ihrem Schicksal, für eine junge Ehefrau birgt die Einsamkeit der Rocky Mountains ungeahnte Gefahren und ein uraltes Fruchtbarkeits-Ritual in einem brennenden Tempel führt die Geschichte zu ihrem Anfang zurück.

Kurzgeschichten:

  • Totentanz
  • Fremde Sühne
  • Blutmond
  • Das Blut der Heiden
  • Die Hütte am See
  • Das Ritual
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