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Lass uns spielen

Jisbhia lies sich in den Sessel fallen. Trotz ihres geringen Gewichtes knarzte das altersschwache Möbelstück verdächtig. Aufgewirbelte Staubkörner fingen das Licht des Nachmittags ein, das dem silbrig blonden Haar der Elfe einen bläulichen Hauch verlieh. Der Geruch von Herbstlaub und feuchtem Lehm wehte durch das halb geöffnete Fenster herein. Jisbhia zog die Beine an und verschränkte sie im Schneidersitz, während sie sich tiefer in die Polster lümmelte. Ihr dünner Körper steckte in dem gleichen abgetragenen blauen Wollhemd und der betagten braunen Lederhose, mit der Tino‘ta sie kennengelernt hatte. Ein spitzbübisches Lächeln glitt über ihre Züge. »Und, große Jägerin, hast du es dir überlegt?« Ein Messer mit breitem Blatt und leichtem Heft tauchte wie aus dem Nichts in ihrer rechten Hand auf. Sie ließ die Klinge zwischen den feingliedrigen Fingern tanzen und warf sie dann in die Höhe. Dass Messer vollführt einen Überschlag und die Elfe fing es, ohne hinzusehen, mit der Linken aus der Luft. So unvermittelt, wie es aufgetaucht war, verschwand es wieder. »Spielen wir?«

»Er ist niemand, um den man spielt«, erwiderte Tino‘ta scharf. Ihre Augen schienen bernsteinfarbene Funken zu sprühen. »Und wenn du deine nimmersatten Finger nach ihm ausstreckst, schneide ich sie dir ab.«

»Ich will ihn dir doch nicht wegnehmen«, Jisbhias Stimme klang bestürzt. »Ich will nur ein kleines Spiel. Er ist ein Mann und du musst ihn ständig auf dich aufmerksam machen. Es reicht nicht, in voller Kampfmontur neben ihm herzureiten. Du musst seine Phantasie beflügeln. Wir spielen nicht um ihn, sondern nur darum, wer Recht hat. Er bleibt dein, egal, wer von uns gewinnt. Und überleg doch nur, wie falsch sich das anhört: der Prinz und die Artistin. Nein«, ihre Stimme nahm wieder den spitzbübischen Klang an, »das ist nicht möglich. Das klingt fast so undenkbar wie Prinz und Jägerin oder Prinz und Ork, oder … ups«. Sie legte den Kopf leicht schräg.

Ich sollte sie gleich hier töten, dachte Tino‘ta. Sie ist gefährlich. Alles ist für sie ein Spiel. Irgendwann wird sie uns durch ihre Leichtlebigkeit in Gefahr bringen, und spätestens dann gibt es Tote. Dem Zirkusvolk konnte man eben nicht trauen: Lügner und Diebe waren sie allesamt. Und Jisbhia war der lebende Beweis dafür. Sie musterte die Elfe abschätzend. Auf dem Seil mochte sie ja eine gute Figur abgeben und da war es bestimmt auch von Vorteil, die Weiblichkeit eines kleinen Jungen zu haben. Aber wie sie auf die Idee kam, ihr Ratschläge bei Männern geben zu wollen, war Tino‘ta schleierhaft. Welcher Mann wollte eine Frau, die aussah wie ein Knabe: mit kurzen Haaren, bleichem, Sommersprossen übersätem Gesicht und gekleidet wie ein Bettler. Ja, sie wusste, dass sie selbst nicht das Auftreten einer dieser herausgeputzten Menschendamen hatte, wie sie in den Städten zu finden waren, doch Orman lag nichts daran. Er schaute hinter die Fassade. Er war nicht wie andere Männer. Für ihn zählte die Persönlichkeit. Und Jisbhia konnte ihr da nicht das Wasser reichen. Also warum sollte sie es der eingebildeten Elfe nicht beweisen. Wenigstens würde sie dann still sein.

Tino‘ta nickte. »Ja, Zirkusmädchen«, sagte sie scharf. »Wir spielen. Doch er wird dich nicht einmal bemerken.«

Mit einem Lachen, das nach dem Läuten silberner Glöckchen klang, sprang Jisbhia auf. Leichtfüßig eilte sie die Treppe zu den Schlafräumen hinauf.

Tino‘tas Blick folgte ihr stumm.

***

Seide flüsterte, als die Frau die Stufen hinab schritt. Die Gespräche im Schankraum verstummten. Alle Augen hefteten sich auf die Treppe, wie magisch angezogen von der Frau in dem blauen Kleid. Mit silbernen Fäden durchwirkt, lag es eng am Körper seiner Trägerin an und betonte ihre sanfte Weiblichkeit. Sie hielt den Kopf erhoben. Dem schlanken Hals folgte ein tiefer Ausschnitt. Zwei hüftlange, silbrig blonde Zöpfe unterstrichen ihre zierliche Figur. Ein silbernes Diadem, dessen einziger blauer Stein das Licht der untergehenden Sonne in tausend Facetten zurückwarf, zierte ihre hohe Stirn. Ein Hauch aufgetragener Farbe verstärkte den Schwung ihrer Lippen und hob die Mandelform ihrer Augen hervor. Von den Spitzen ihrer filigranen Ohren ging ein feines Glitzern aus. Trotz ihrer geringen Körpergröße schien sie den Raum zu dominieren.

Das Scharren eines Stuhl auf den ausgetretenen Steinfließen durchbrach die Stille. Jemand seufzte sanft.

Die Frau erreichte den Fuß der Treppe. Tino‘ta stieß einen tonlosen Laut aus, als sie Jisbhia erkannte. Für einen Moment schaute die Elfe der Orkjägerin direkt in die weit aufgerissenen Augen. Kaum merklich zog ein spöttisches Lächeln über ihren Zügen, dann wandte sie sich Orman zu, der in der Nähe der Treppe stand und sie unverhohlen anstarrte.

Sanft neigte sie den Kopf, die Lippen leicht geöffnet. Sie blinzelte zweimal betont langsam und hob ihre Hand ein wenig. Nur Tino‘ta schien den triumphierenden Ausdruck in den Augen der Elfe zu bemerken, als Orman wie betäubt nach ihrem Arm griff und sie zum Esstisch geleitete.

Leseprobe aus den zweiten Obsi’tia Band – „Der Vorhang fällt“ 

Sie tanzt

Blut auf den Händen; Blut auf der Seele; Blut, das ihren Bund besiegelt, das sie untrennbar macht. Ein Opfer für die Liebe.

Mondlicht scheint durch die Äste der alten Eiche auf ihre nackte Haut. Der Schweiß ist noch nicht getrocknet und glänzt im fahlen Licht. Isabelle hat sich erhoben, die Arme eng um ihren Körper geschlungen; eng, wie die des Geliebten es hätten tun sollen. Sanft wiegt sie sich hin und her, bewegt sich im Kreis. Sie tanzt, dreht sich lautlos. Ein Zweig hat sich in ihren kastanienbraunen Haaren verfangen.

Sie spürt das Moosbett unter ihren Füßen, auf dem sie sich so oft geliebt haben. Die Kerzen, aufgestellt, um den Ort ihrer Leidenschaft sanft zu erhellen, schirmen sie von der Dunkelheit ab. Der vertraute Platz, ihr Stelldichein, umhüllt sie mit einem Mantel der Geborgenheit; verbirgt sie vor der Einsamkeit.

Ein kühler Windhauch lässt sie frösteln. Die feinen Haare auf Isabelles Armen stellen sich auf. Der Herbst ist schon weit fortgeschritten. Die Vorboten des Winters strecken langsam ihre Finger über den Wald aus. In ein paar Tagen werden kaltes Wetter und Regen das Land fest im Griff haben. Nur noch wenige Wochen bis zum Heiligabend.

Doch die Zeit des Versteckspielens ist vorüber. Keine Lügen mehr, um seine Frau zu beruhigen, keine Rücksicht mehr auf deren angeschlagene Gesundheit. Isabelle hat Geduld gezeigt. Oh ja, das hat sie. All die langen Monate seit dem Frühjahr ist sie geduldig gewesen. Doch nun ist das Problem mit Daniels Frau für immer bereinigt. Die unzähligen Stunden, die sie in ihrer Wohnung auf das nächste Stelldichein mit ihrem Geliebten wartete und die Wut, die sie empfand, wenn sie an seine Frau dachte, all das hat unwiderruflich ein Ende gefunden. Und auch die Angst, was passieren würde, wenn diese von ihrem Verhältnis erfahren, wenn Daniel sich nicht auf Isabelles Seite gestellt und er der Bequemlichkeit, der Gewohnheit seiner Ehe nachgegeben hätte, war verflogen.

Der Geruch von totem Laub weht über die Lichtung. Blätter rascheln. Eine Kerze flackert, erhellt im Ersterben die Hand, die bleich im Schatten der moosbewachsenen Steine ruht. Für einen Sekundenbruchteil scheint Leben in die starren Finger zurückzukehren. Dann erlischt die Flamme. Die Hand versinkt in der Dunkelheit; reglos, erkaltend.

Der Gedanke war verführerisch und erregend, Daniels Frau hierher zu locken, auf die Lichtung, die für sie und ihn zum Tempel der Liebe geworden war. Um alles, hier unter der Eiche, zu einem Ende zu führen. Und sie würde ihn lieben, auf dem Altar aus Moos, erbaut über dem verborgenen Grab der Rivalin.

Aber was, wenn Daniel immer weiter nach seiner verschollenen Frau gesucht, wenn ihm ihr Verschwinden keine Ruhe gelassen hätte? Ungewissheit ist ein schleichendes Gift. Doch nun gehört Daniel ihr; seine Frau wird sie nie mehr stören können.

In der Ferne schreit ein Uhu. Isabelle legt den Kopf in den Nacken und breitet ihre Arme aus. Ihre Augen sind geschlossen. Auf ihren Lippen liegt ein Lächeln. Die Blätter und Äste der Eiche zeichnen im Mondlicht Schattenmuster auf ihren weißen Teint.

Sie öffnet die Lider. Ihr Blick schweift über das Moosbett, stockt bei dem langen Seidenschal; Spielzeug ihrer Lust. Er gleitet weiter, verweilt kurz auf der leblosen Gestalt, die zwischen den Wurzeln des mächtigen Baumes ruht, und findet zurück zu jenem Abend im Frühling, an dem alles begann; die Geräusche der Nacht erreichen sie nur noch aus weiter Ferne.

Er sei zu alt für sie, hatte Daniel gesagt, doch seine Augen verrieten ihn. Isabelle hatte gewusst, dass sein Herz anderer Meinung war. Er wäre nicht zur Lichtung gekommen, hätte er sie nicht gewollt, sie nicht begehrt. Sie hatte ihn geküsst und ihm gezeigt, das sie zusammengehörten. Seelen sind alterlos! Waren sie doch füreinander bestimmt, was spielten dann zwei Jahrzehnte für eine Rolle? Sie fanden sich immer wieder, was auch geschah, wohin sie auch getrieben wurden. Und war er nicht für sie zurückgekehrt? Hatte sie ihn nicht unter all den anderen sofort erkannt? Niemand durfte sich zwischen eine solche Liebe stellen; um diese zu schützen, war jedes Mittel recht. Selbst das letzte, das endgültige.
Kühler Wind streicht abermals vom Wald her über Isabelles nackte Haut. Ihre Nippel ziehen sich zusammen. Sie fährt sich mit den Händen über ihre Arme. Die Bewegung stockt. Isabelle hält inne. Im fahlen Schein betrachtet sie ihre Hände, betrachtet das Blut. Sie lächelt.

Warum hatte Daniels Frau sich gegen sie gestellt? Konnte sie nicht erkennen, dass sie ihn verloren, ja, ihn nie wahrhaft besessen hatte? Sie hatte es Daniel so schwer gemacht, all die Monate der Rücksichtnahme, der Heimlichkeit. All die Zeit, in der diese Frau versucht hatte, Daniel von seiner Bestimmung abzubringen, indem sie seine Gutmütigkeit als Waffe gegen ihn und Isabelle verwendete. Und er hatte es nicht bemerkt, nein, er glaubte sogar, dass seine Frau nichts von ihnen wusste. Doch Isabelle hatte sie durchschaut: die plötzliche Krankheit, der überraschende Tod des Onkels, die gespielte Hilflosigkeit, das waren direkte Angriffe auf ihre Liebe, die verzweifelten Versuche einer Unterlegenen, das Blatt doch noch zu wenden.

Und fast wäre dieser Plan aufgegangen. Als Daniel heute Abend zu ihr kam, als er da saß, mit fernem Blick, nachdem sie sich geliebt hatten, als er erneut um mehr Zeit bat, um mehr Geduld, da hatte Isabelle es gewusst. Sie musste handeln, um ihn nicht zu verlieren. Und sie handelte.

Ein dunkler Wolkenschleier legt sich über den Mond. Die Kerzen verlöschen im Windstoß. Nur eine bleibt; ein Totenlicht in der Dunkelheit, eine einsam ausharrende Seele. Kurze Augenblicke, vom Flackern der Flamme aus der Nacht gerissen: ein Sektglas, zerbrochen; ein Stein, blutbeschmiert; Augen, tot.

Isabelle erschauert. Wie ein finsterer Feind mit eisigen Fingern greift der Wald nach ihrem Herzen. Die Zeit ist nah. Er ist vorausgegangen, doch sie darf ihn nicht warten lassen. Die Ewigkeit ruft nach ihnen.
Sie kniet nieder. Ihr Blick liebkost den nackten Leib, der vor ihr im Moos liegt. Sanft streicht sie über Haar und Schulter. Der Geliebte, so nah, so unerreichbar. Seine Hand, so kalt.

Ja, nun gehört er ihr. Jetzt kann sich niemand mehr zwischen sie stellen. Noch vor dem Morgengrauen werden sie für immer vereint sein.

Ihre Hand greift nach dem Schal. Sanft gleitet die Seide durch ihre Finger. Der Blick aus ihren feuchten Augen steigt nach oben, verfängt sich in den Zweigen des Baumes, verharrt an dem knorrigen Ast, der anklagend in die Nacht ragt.

Isabelle tanzt. Sie tanzt für ihn unter den Zweigen der alten Eiche, der ewig schweigenden Zeugin.

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