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Liebe zwischen Ork und Menschen? Träume von einer “fantastischen” Liebe und gewinne ein eBook. [Qindie Gewinnspiel]

Als Tino’ta den das erste Mal vor Hauptmann Orman steht, bzw. liegt, ist sie voller Zorn. Doch dann muss sie erkennen, dass die Welt nicht einfach schwarz und weiß ist. Dass der Mensch, der so gar nicht ihrem Feindbild entsprechen will, ihr Herz schneller schlagen lässt, verwirrt die junge Orkjägerin anfangs. Während der Krieg zwischen den Rassen schier unaufhaltsam voranschreitet, erkennt Tino’ta, dass sie nur gemeinsam ihre Völker vor dem Untergang bewahren können. Und insgeheim wächst in ihr der Wunsch nach einer ganz anderen Gemeinsamkeit …

Ork und Mensch? Geist und Vampir? Welche fantastische oder mystische Liebesbeziehung spukt in Deiner Fantasie herum? Was wären die Probleme dieser Beziehung? Welche Möglichkeiten hätten die Liebenden, zueinander zu finden?

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Verbranntes Fleisch

Der Regen war stärker geworden, doch Tino‘ta bemerkte es nicht. Wie betäubt bewegte sie sich zwischen den Überresten des Wagenzuges. Der Wind versetzte die Oka Bäume in ein beständiges Rauschen. Das aufgeregte Geschrei von Vögeln mischte sich mit dem Keifen der Pavahunde, sie sich um ihre Beute stritten. Gelegentlich knackte es in dem noch immer schwelenden Holz. Weißer Dampf stieg zischend auf, wo der Regen auf die verbleibenden Glutnester fiel. Der Brandgeruch war allgegenwärtig. Er hatte den Duft des Morgens vertrieben. Verschmortes Holz, Haare und Fleisch, der Gestank trieb Tino‘ta die Tränen in die Augen. Da waren noch andere Ausdünstungen. Bei jedem ihrer Schritte drängte sich eine weitere in den Vordergrund und verblasste wieder: Urin, verschmorter Kot und der metallische Geruch von Blut. Tino‘ta blieb stehen, um einen abgebrochenen Pfeil zu betrachten, der aus einer verkohlten Deichsel ragte. Ihre Hand glitt über den Schaft und verharrte kurz an der Bruchstelle. Eine zierliche Gestalt, halb unter dem Wagen verborgen, zog ihre Blicke an. Es war ein kleines Mädchen, die weit aufgerissenen Augen starr, die Hand im Tod fest um die Puppe eines Laufvogels geklammert. Vergangenheit und Gegenwart drängten gleichermaßen auf Tino‘ta ein. Ein anderes Orkmädchen tauchte in ihrer Erinnerung auf, das verzweifelt versuchte die geliebte Puppe hinter ihrem Rücken zu verbergen – vergeblich. Es war der Tag, an dem ihre Mutter ihr eröffnete, dass sie nun zu alt sei, um noch ein Kind zu sein. Damals hatte sie es nicht verstanden. Noch Stunden später hatte sie weinend vor dem Feuer gesessen, in dem ihre Mutter die Puppe verbrannt hatte; es waren die letzten Tränen ihrer Kindheit. Doch dann war die Zeit gekommen, die alles veränderte. Sie war erwachsen geworden. Ein vollwertiges Mitglied des Klans. Und mit einem Mal war die Kinderzeit vergessen; das geliebte Spielzeug nur noch ein Schatten der Vergangenheit.
Bis jetzt.
Ork überfallene KarawaneTino‘ta ging in die Hocke. Sanft schloss sie die Augen der Kleinen und legte ihr die Puppe auf die Brust. Dann erst zog sie den leblosen Körper vollständig unter dem Wagen hervor und hob sie vorsichtig auf. Obwohl sie es besser wusste, hatte sie das Gefühl, sie dürfe den Schlaf des Mädchens nicht stören. Sie richtete sich auf und begann, sich den Weg aus dem Trümmerfeld hinaus zu suchen. Die Wagen hatten Tino‘ta immer ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Die riesigen Räder, die sie selbst dann noch überragten, wenn sie auf Na’tarva ritt, die massiven Aufbauten, die die Habe der Sippe und die Kinder trugen und die mächtigen, gebogenen Deichseln, an denen die Muhvak-Stiere angejocht wurden. All das hatte sie bisher mit Heimat verbunden. Jeder Ork, der nicht zu alt zum Wandern war, verbrachte die Hälfte seines Lebens in den Wagen. Abends, wenn sie sich einen Platz zum Rasten suchten, stellten die Wagenführer ihre Gefährte in einem Kreis auf, die Deichseln nach innen gerichtet. Dann wurden Planen von Deichsel zu Deichsel gespannt, so dass ein gewaltiger Zeltkreis entstand, der seine Bewohner vor Wind und Wetter schützte. In der offenen Mitte dieser Wagenburg brannte das große Feuer. Hier brieten die Frauen das Fleisch, und wenn die Dunkelheit kam, erzählten die Männer Geschichten aus vergangenen Tagen, während sich die Kinder in die Arme ihrer Mütter kuschelten. Die schweren Wagen selbst dienten als Abschirmung gegen Tiere und etwaige Feinde. Es entstand eine Festung, in der die Orks sich behütet fühlen konnten. Zusammen mit den Kriegern, die jeder Sippe angehörten, bildete die Wagenburg den vollkommenen Schutz der Sippe – der Familie. Die Kinder wussten es, die Mütter wussten es und auch Tino‘ta wusste es … bis heute. Wer auch immer die Orks hier abgeschlachtet hatte, sie hatten ihn nicht als Feind betrachtet, bevor es zu spät war. Und so nahe an der Grenze zu den Ländern der Menschen konnte es nur einen Schuldigen geben.
Tino‘ta zwängte sich zwischen einem zerbrochenen Rad und dem Kadaver eines Muhvak-Stiers hindurch. Die verdrehten Augen des großen Tieres standen offen. Seine Zunge, die die Länge von Tino‘tas Arm hatte, hing ihm aus dem Maul. Für einen Moment übertünchte der Gestank seines nassen Felles alle anderen Gerüche.
Tino‘ta erreichte die Stelle, an der schon sieben andere Leichen lagen. Vier Frauen im fortgeschrittenen Alter, ein Mann, dessen Kopf sie noch nicht hatten finden können, und zwei Jungen. Bedächtig legte sie den Körper des Mädchens neben den Frauen ab. Dann wischte sie sich Ruß und Tränen aus dem Gesicht und marschierte entschlossen zurück zu der Wagenburg.

Sie kehrte zu der Stelle zurück, an der das Kind gelegen hatte. Um weiter vorzudringen, musste sie eine Barriere aus zerbrochenen Fässern überwinden. Direkt dahinter fand sie die nächste Leiche. Diesmal musste sie erst einen Pavahund vertreiben, der nur widerwillig von seiner Beute abließ. Der kleine Aasfresser fauchte sie an, besaß aber nicht den Mut ihr entgegenzutreten. Nachdem sie mehrmals auf den Boden gestampft und einen kleinen Stein nach ihm geworfen hatte, zog er schließlich winselnd von dannen.
Entsetzt starrte sie auf die Tote. Sie hätte nicht gedacht, dass ihr ein Anblick noch näher gehen konnte als der des toten Mädchens. Nun musste sie sich eingestehen, dass sie sich geirrt hatte. Die junge Frau war kaum älter als sie selbst. Man hatte sie entkleidet und an ein Wagenrad gebunden. Ihr einst hübsches Gesicht war mit Tränen und Blut verschmiert. Der Strick, mit dem sie erdrosselt wurde, hing noch immer um ihren Hals. Tino‘tas Kehle wurde trocken. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr aufhalten. Niemand durfte so etwas tun. Nicht so. Aber es war nicht die Art, wie die junge Frau gestorben war, die Tino‘ta am meisten mitnahm, es war die Tatsache, dass sie schwanger gewesen war.
Verzweifelt wandte sich Tino‘ta ab, doch wohin sie auch schaute, überall lagen Tote; erschlagen, erdrosselt, ausgeweidet. Das war kein Kampf gewesen, sondern Mord.

»Etwas stimmt hier nicht«, Kelosas Stimme ließ Tino‘ta herumwirbeln. Der große Jäger war über und über mit Ruß bedeckt. An seinen Armen klebte Blut, das nicht von ihm stammte.
»Etwas stimmt nicht?«, stieß sie hervor. Wut funkelte in ihren Augen. »Jemand schlachtet unschuldige Kinder und Frauen ab und alles, was dir dazu einfällt, ist: Etwas stimmt nicht?«
»Du verstehst mich falsch«, verteidigte sich Kelosa. »Ich meine nicht diese Gräueltaten, sondern die Umstände.«
Tino‘ta sah ihn verwirrt an. »Wie meinst du das?«
»Schau dich doch um. Hier stehen die Überreste von sieben Wagen. Hast du jemals gehört, dass eine Sippe nur mit sieben Wagen durch diesen Landstrich gezogen ist?«
»Vielleicht wurden sie von den anderen getrennt? Oder der Rest der Sippe ist nach dem Kampf weitergezogen.«
»Und hat die Toten so zurückgelassen? Niemals!«
Kelosa bückte sich und hob etwas vom Boden auf. Es sah aus wie ein zerbrochenes Schmuckstück. Nachdenklich drehte er es zwischen den Fingern.
»Und noch etwas«, fuhr er nach einer Weile fort. »Hier liegen mehr Leichen und tote Zugtiere, als dass es nur sieben Wagen gewesen sein können. Vielleicht haben sie die Wagen irgendwo leer zurücklassen müssen. Alles in allem sieht das hier aus, als wäre es wie eine normale Sippe gewesen. Aber etwas fehlt.«

Leseprobe aus „Der Traum der Jägerin

Sie tanzt

Blut auf den Händen; Blut auf der Seele; Blut, das ihren Bund besiegelt, das sie untrennbar macht. Ein Opfer für die Liebe.

Mondlicht scheint durch die Äste der alten Eiche auf ihre nackte Haut. Der Schweiß ist noch nicht getrocknet und glänzt im fahlen Licht. Isabelle hat sich erhoben, die Arme eng um ihren Körper geschlungen; eng, wie die des Geliebten es hätten tun sollen. Sanft wiegt sie sich hin und her, bewegt sich im Kreis. Sie tanzt, dreht sich lautlos. Ein Zweig hat sich in ihren kastanienbraunen Haaren verfangen.

Sie spürt das Moosbett unter ihren Füßen, auf dem sie sich so oft geliebt haben. Die Kerzen, aufgestellt, um den Ort ihrer Leidenschaft sanft zu erhellen, schirmen sie von der Dunkelheit ab. Der vertraute Platz, ihr Stelldichein, umhüllt sie mit einem Mantel der Geborgenheit; verbirgt sie vor der Einsamkeit.

Ein kühler Windhauch lässt sie frösteln. Die feinen Haare auf Isabelles Armen stellen sich auf. Der Herbst ist schon weit fortgeschritten. Die Vorboten des Winters strecken langsam ihre Finger über den Wald aus. In ein paar Tagen werden kaltes Wetter und Regen das Land fest im Griff haben. Nur noch wenige Wochen bis zum Heiligabend.

Doch die Zeit des Versteckspielens ist vorüber. Keine Lügen mehr, um seine Frau zu beruhigen, keine Rücksicht mehr auf deren angeschlagene Gesundheit. Isabelle hat Geduld gezeigt. Oh ja, das hat sie. All die langen Monate seit dem Frühjahr ist sie geduldig gewesen. Doch nun ist das Problem mit Daniels Frau für immer bereinigt. Die unzähligen Stunden, die sie in ihrer Wohnung auf das nächste Stelldichein mit ihrem Geliebten wartete und die Wut, die sie empfand, wenn sie an seine Frau dachte, all das hat unwiderruflich ein Ende gefunden. Und auch die Angst, was passieren würde, wenn diese von ihrem Verhältnis erfahren, wenn Daniel sich nicht auf Isabelles Seite gestellt und er der Bequemlichkeit, der Gewohnheit seiner Ehe nachgegeben hätte, war verflogen.

Der Geruch von totem Laub weht über die Lichtung. Blätter rascheln. Eine Kerze flackert, erhellt im Ersterben die Hand, die bleich im Schatten der moosbewachsenen Steine ruht. Für einen Sekundenbruchteil scheint Leben in die starren Finger zurückzukehren. Dann erlischt die Flamme. Die Hand versinkt in der Dunkelheit; reglos, erkaltend.

Der Gedanke war verführerisch und erregend, Daniels Frau hierher zu locken, auf die Lichtung, die für sie und ihn zum Tempel der Liebe geworden war. Um alles, hier unter der Eiche, zu einem Ende zu führen. Und sie würde ihn lieben, auf dem Altar aus Moos, erbaut über dem verborgenen Grab der Rivalin.

Aber was, wenn Daniel immer weiter nach seiner verschollenen Frau gesucht, wenn ihm ihr Verschwinden keine Ruhe gelassen hätte? Ungewissheit ist ein schleichendes Gift. Doch nun gehört Daniel ihr; seine Frau wird sie nie mehr stören können.

In der Ferne schreit ein Uhu. Isabelle legt den Kopf in den Nacken und breitet ihre Arme aus. Ihre Augen sind geschlossen. Auf ihren Lippen liegt ein Lächeln. Die Blätter und Äste der Eiche zeichnen im Mondlicht Schattenmuster auf ihren weißen Teint.

Sie öffnet die Lider. Ihr Blick schweift über das Moosbett, stockt bei dem langen Seidenschal; Spielzeug ihrer Lust. Er gleitet weiter, verweilt kurz auf der leblosen Gestalt, die zwischen den Wurzeln des mächtigen Baumes ruht, und findet zurück zu jenem Abend im Frühling, an dem alles begann; die Geräusche der Nacht erreichen sie nur noch aus weiter Ferne.

Er sei zu alt für sie, hatte Daniel gesagt, doch seine Augen verrieten ihn. Isabelle hatte gewusst, dass sein Herz anderer Meinung war. Er wäre nicht zur Lichtung gekommen, hätte er sie nicht gewollt, sie nicht begehrt. Sie hatte ihn geküsst und ihm gezeigt, das sie zusammengehörten. Seelen sind alterlos! Waren sie doch füreinander bestimmt, was spielten dann zwei Jahrzehnte für eine Rolle? Sie fanden sich immer wieder, was auch geschah, wohin sie auch getrieben wurden. Und war er nicht für sie zurückgekehrt? Hatte sie ihn nicht unter all den anderen sofort erkannt? Niemand durfte sich zwischen eine solche Liebe stellen; um diese zu schützen, war jedes Mittel recht. Selbst das letzte, das endgültige.
Kühler Wind streicht abermals vom Wald her über Isabelles nackte Haut. Ihre Nippel ziehen sich zusammen. Sie fährt sich mit den Händen über ihre Arme. Die Bewegung stockt. Isabelle hält inne. Im fahlen Schein betrachtet sie ihre Hände, betrachtet das Blut. Sie lächelt.

Warum hatte Daniels Frau sich gegen sie gestellt? Konnte sie nicht erkennen, dass sie ihn verloren, ja, ihn nie wahrhaft besessen hatte? Sie hatte es Daniel so schwer gemacht, all die Monate der Rücksichtnahme, der Heimlichkeit. All die Zeit, in der diese Frau versucht hatte, Daniel von seiner Bestimmung abzubringen, indem sie seine Gutmütigkeit als Waffe gegen ihn und Isabelle verwendete. Und er hatte es nicht bemerkt, nein, er glaubte sogar, dass seine Frau nichts von ihnen wusste. Doch Isabelle hatte sie durchschaut: die plötzliche Krankheit, der überraschende Tod des Onkels, die gespielte Hilflosigkeit, das waren direkte Angriffe auf ihre Liebe, die verzweifelten Versuche einer Unterlegenen, das Blatt doch noch zu wenden.

Und fast wäre dieser Plan aufgegangen. Als Daniel heute Abend zu ihr kam, als er da saß, mit fernem Blick, nachdem sie sich geliebt hatten, als er erneut um mehr Zeit bat, um mehr Geduld, da hatte Isabelle es gewusst. Sie musste handeln, um ihn nicht zu verlieren. Und sie handelte.

Ein dunkler Wolkenschleier legt sich über den Mond. Die Kerzen verlöschen im Windstoß. Nur eine bleibt; ein Totenlicht in der Dunkelheit, eine einsam ausharrende Seele. Kurze Augenblicke, vom Flackern der Flamme aus der Nacht gerissen: ein Sektglas, zerbrochen; ein Stein, blutbeschmiert; Augen, tot.

Isabelle erschauert. Wie ein finsterer Feind mit eisigen Fingern greift der Wald nach ihrem Herzen. Die Zeit ist nah. Er ist vorausgegangen, doch sie darf ihn nicht warten lassen. Die Ewigkeit ruft nach ihnen.
Sie kniet nieder. Ihr Blick liebkost den nackten Leib, der vor ihr im Moos liegt. Sanft streicht sie über Haar und Schulter. Der Geliebte, so nah, so unerreichbar. Seine Hand, so kalt.

Ja, nun gehört er ihr. Jetzt kann sich niemand mehr zwischen sie stellen. Noch vor dem Morgengrauen werden sie für immer vereint sein.

Ihre Hand greift nach dem Schal. Sanft gleitet die Seide durch ihre Finger. Der Blick aus ihren feuchten Augen steigt nach oben, verfängt sich in den Zweigen des Baumes, verharrt an dem knorrigen Ast, der anklagend in die Nacht ragt.

Isabelle tanzt. Sie tanzt für ihn unter den Zweigen der alten Eiche, der ewig schweigenden Zeugin.

Geheimarchiv der Sehnsucht

Zu dir, so schreit mein wundes Herz,
nach dir nur sehnt es sich.
Zu dir! Es bäumt sich auf vor Schmerz.

Es war ein eisiger Winterabend, an dem ich eine Seite an meinem Vater entdeckte, von der ich zuvor nichts geahnt hatte. Und das, obwohl er schon vor über drei Jahrzehnten verstorben ist. Als ich das kleine Büchlein meines Vaters mit der Aufschrift „Geheimarchiv“ das erste Mal in der Hand hielt, ahnte ich noch nicht, was es enthielt. Erst Monate später entdeckte ich sein Geheimnis.

Geheimarchiv der Sehnsucht - eBookAlles nahm seinen Anfang, als mir meine Mutter ein altes Notizbuch meines Vaters in die Hand drückte. Das Büchlein, das den Titel „Geheimarchiv“ trug, enthielt auf der ersten Seite je ein Gedicht von Schiller und Goethe. Dann folgte ein kurzer Bericht über eine Reise nach Paris, die vor etwa 55 Jahren stattgefunden haben muss. Die folgenden Seiten waren leer.

Erst viele Monate später fiel mir das Büchlein erneut in die Hände, als ich meine chronisch überfüllte Bibliothek um ein Regal erweiterte. Ich hatte es quer über einige alte Bücher gelegt. Gedankenverloren öffnete ich es in der Mitte und stieß auf ein kleines Gedicht. Neugierig geworden, blätterte ich ein wenig in dem Büchlein und entdeckte weitere Textstellen, immer wieder durch eine unregelmäßige Anzahl unbeschriebener Seiten getrennt. An diesem Abend, an dem der Taunus in frostiger Kälte erstarrt war, kuschelte ich mich warm ein, nahm mir das Büchlein zur Hand und ging es Seite um Seite durch. Erst nach zwei Dutzend unbeschriebenen Seiten und zwei enttäuschenden Textfragmenten stieß ich auf einen Block mit mehreren Gedichten. Das zweite davon, „Menschen?“, faszinierte mich durch seine Kürze, Geschwindigkeit und vor allem durch seine Aussage. Es folgten noch weitere Gedichte und Textfragmente, die sich mit Blöcken leerer Seiten abwechselten. An diesem Abend reifte der Entschluss in mir, die kleinen Poeme der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Am nächsten Tag setzte ich mich an meinen Schreibtisch und begann die Textstellen zu katalogisieren, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Oft handelte es sich nur um einen Vers oder eine Zeile, die gegebenenfalls an anderen Stellen des Büchleins wieder aufgegriffen wurde.
Die Gedichte, die vollständig waren, habe ich in diese Sammlung aufgenommen. Zwei davon, Menschen? und Liebesnot habe ich schon auf diesem Blog veröffentlicht.

Der Sammelband mit Gedichten von Dr. Wolfgang Kron ist als eBook und als Taschenbuch erhältlich.

Er liebt, doch glücklich ist er nicht. 

Fremde Sühne

Bleiche Schleier ziehen an den Gittern vorbei. Die Hammerschläge zeugen von Schicksal, von Unaufschiebbarkeit.

In der Zelle ist es kalt. Die klamme Feuchtigkeit ist allgegenwärtig. Der Blick des Gefangenen hängt noch einen Moment an dem Galgen; seinem Galgen. Er löst sich, schweift hinaus in die Welt. Er folgt dem Band aus nasser Erde, festgestampft von unzähligen Füßen und Hufen, das sich im Unbestimmten des Nebels verliert. Tote Bäume recken ihre Äste fingergleich gen Himmel; ungewisse Gestalten in den wabernden Schwaden. Stimmen und Hundegebell verlieren sich im grauen Dunst, vage und ortlos.

Seine Gedanken reißen seinen Blick weiter: über den nahen Wald zu den fernen Dünen; zerren ihn durch Raum und Zeit.

Er folgt den einsamen Spuren im Sand, die sein Schicksal besiegelten. Zu dem Haus auf der Klippe, verödet und verlassen, vom Wind gepeinigt, der die Fensterläden gegen die Fassade schlägt und durch jede Öffnung heult.

Erneut verharrt er, wie damals. Er konnte nicht weitergehen. Was ging es ihn an? Andere würden sich darum kümmern. Und was wusste er schon? Schatten in der Nacht, Bilder in der Trunkenheit; er hatte sich das alles eingebildet. Ja, so war es. Es gab hier nichts, was er tun musste. Er würde kehrt machen, würde zurückkehren zu seinem Platz im „Lustigen Seemann”. Nur ein Glas, mehr wollte er nicht.

Das Bild verschwimmt. Jetzt weiß er es besser. Es war nicht bei dem einen Glas geblieben; es blieb nie bei einem Glas. Er hatte da gesessen und getrunken, bis sie ihn abholten. Ob er in dem Haus an den Dünen war, hatte der Sheriff gefragt. »Ich? Nein!« Es war die Wahrheit. Seine Wahrheit. Sie hatten ihm nicht geglaubt. Warum auch? Jetzt, aus der Distanz, hätte er sich auch nicht geglaubt. Doch es war nicht seine Schuld. Er war nicht in dem Haus.

Wieder steht er vor den verfaulten Stufen, halb im Sand versunken. Er macht einen Schritt und das morsche Holz gibt nach, biegt sich unter ihm.

Die Eingangshalle ist leer, nur Staub und Ratten leben hier. Zögerlich läuft er auf die schmale Tür im Hintergrund zu. Einmal war er hier, damals, als der Sheriff ihn zurück an den Tatort brachte. Doch das ist nicht jetzt, es ist noch nicht geschehen. Diesmal geht er den Weg, den er gehen muss, den er schon damals hätte gehen sollen. Es wird nichts ändern, nicht für den Richter, nicht für die Geschworenen, nicht für die Familie. Aber für ihn. Seine Gedanken leiten seine Schritte in den Keller, der leer ist, in einer Gegenwart, die noch kommen wird. Doch jetzt ist er voll von Wahrheit, voll von Gespenstern der Schuld. Er blickt zu der Frau, die mit großen Augen in die Dunkelheit starrt, voller Angst auf das harrend, was da kommen mag. Und zu dem Fremden, dessen Tat er sühnt. Wenn er damals hineingegangen wäre, hätte er es ändern können. Da hatte sie noch gelebt. Er bewegt sich zögerlich auf den Fremden zu, der mit dem Rücken zu ihm steht. Irgendetwas an dem Mann kommt ihm bekannt vor. Er geht noch einen Schritt. Der Fremde dreht sich um.

Das Erkennen kommt langsam, wie das Erwachen aus einem tiefen Schlaf. Es trifft ihn wie ein Hammerschlag; schockiert ihn; erlöst ihn. Dann reißen ihn seine Gedanken zurück in die Gegenwart.

Er wendet sich ab, setzt sich auf die enge Pritsche. Das Hämmern aus dem Hof hat etwas Erlösendes angenommen, ein Klang von Sühne. Die Bilder des Vergangenen sind verblasst und doch fühlt er noch die Augen, die sich unsichtbar aus dem Nebel in seine Seele bohren. Zwei blaue Augen, eingerahmt von blonden Locken; anklagend; verloren und verängstigt.

Er weint.

An den Gittern ziehen die Nebel der Vergangenheit vorbei.

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