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Verbranntes Fleisch

Der Regen war stärker geworden, doch Tino‘ta bemerkte es nicht. Wie betäubt bewegte sie sich zwischen den Überresten des Wagenzuges. Der Wind versetzte die Oka Bäume in ein beständiges Rauschen. Das aufgeregte Geschrei von Vögeln mischte sich mit dem Keifen der Pavahunde, sie sich um ihre Beute stritten. Gelegentlich knackte es in dem noch immer schwelenden Holz. Weißer Dampf stieg zischend auf, wo der Regen auf die verbleibenden Glutnester fiel. Der Brandgeruch war allgegenwärtig. Er hatte den Duft des Morgens vertrieben. Verschmortes Holz, Haare und Fleisch, der Gestank trieb Tino‘ta die Tränen in die Augen. Da waren noch andere Ausdünstungen. Bei jedem ihrer Schritte drängte sich eine weitere in den Vordergrund und verblasste wieder: Urin, verschmorter Kot und der metallische Geruch von Blut. Tino‘ta blieb stehen, um einen abgebrochenen Pfeil zu betrachten, der aus einer verkohlten Deichsel ragte. Ihre Hand glitt über den Schaft und verharrte kurz an der Bruchstelle. Eine zierliche Gestalt, halb unter dem Wagen verborgen, zog ihre Blicke an. Es war ein kleines Mädchen, die weit aufgerissenen Augen starr, die Hand im Tod fest um die Puppe eines Laufvogels geklammert. Vergangenheit und Gegenwart drängten gleichermaßen auf Tino‘ta ein. Ein anderes Orkmädchen tauchte in ihrer Erinnerung auf, das verzweifelt versuchte die geliebte Puppe hinter ihrem Rücken zu verbergen – vergeblich. Es war der Tag, an dem ihre Mutter ihr eröffnete, dass sie nun zu alt sei, um noch ein Kind zu sein. Damals hatte sie es nicht verstanden. Noch Stunden später hatte sie weinend vor dem Feuer gesessen, in dem ihre Mutter die Puppe verbrannt hatte; es waren die letzten Tränen ihrer Kindheit. Doch dann war die Zeit gekommen, die alles veränderte. Sie war erwachsen geworden. Ein vollwertiges Mitglied des Klans. Und mit einem Mal war die Kinderzeit vergessen; das geliebte Spielzeug nur noch ein Schatten der Vergangenheit.
Bis jetzt.
Ork überfallene KarawaneTino‘ta ging in die Hocke. Sanft schloss sie die Augen der Kleinen und legte ihr die Puppe auf die Brust. Dann erst zog sie den leblosen Körper vollständig unter dem Wagen hervor und hob sie vorsichtig auf. Obwohl sie es besser wusste, hatte sie das Gefühl, sie dürfe den Schlaf des Mädchens nicht stören. Sie richtete sich auf und begann, sich den Weg aus dem Trümmerfeld hinaus zu suchen. Die Wagen hatten Tino‘ta immer ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Die riesigen Räder, die sie selbst dann noch überragten, wenn sie auf Na’tarva ritt, die massiven Aufbauten, die die Habe der Sippe und die Kinder trugen und die mächtigen, gebogenen Deichseln, an denen die Muhvak-Stiere angejocht wurden. All das hatte sie bisher mit Heimat verbunden. Jeder Ork, der nicht zu alt zum Wandern war, verbrachte die Hälfte seines Lebens in den Wagen. Abends, wenn sie sich einen Platz zum Rasten suchten, stellten die Wagenführer ihre Gefährte in einem Kreis auf, die Deichseln nach innen gerichtet. Dann wurden Planen von Deichsel zu Deichsel gespannt, so dass ein gewaltiger Zeltkreis entstand, der seine Bewohner vor Wind und Wetter schützte. In der offenen Mitte dieser Wagenburg brannte das große Feuer. Hier brieten die Frauen das Fleisch, und wenn die Dunkelheit kam, erzählten die Männer Geschichten aus vergangenen Tagen, während sich die Kinder in die Arme ihrer Mütter kuschelten. Die schweren Wagen selbst dienten als Abschirmung gegen Tiere und etwaige Feinde. Es entstand eine Festung, in der die Orks sich behütet fühlen konnten. Zusammen mit den Kriegern, die jeder Sippe angehörten, bildete die Wagenburg den vollkommenen Schutz der Sippe – der Familie. Die Kinder wussten es, die Mütter wussten es und auch Tino‘ta wusste es … bis heute. Wer auch immer die Orks hier abgeschlachtet hatte, sie hatten ihn nicht als Feind betrachtet, bevor es zu spät war. Und so nahe an der Grenze zu den Ländern der Menschen konnte es nur einen Schuldigen geben.
Tino‘ta zwängte sich zwischen einem zerbrochenen Rad und dem Kadaver eines Muhvak-Stiers hindurch. Die verdrehten Augen des großen Tieres standen offen. Seine Zunge, die die Länge von Tino‘tas Arm hatte, hing ihm aus dem Maul. Für einen Moment übertünchte der Gestank seines nassen Felles alle anderen Gerüche.
Tino‘ta erreichte die Stelle, an der schon sieben andere Leichen lagen. Vier Frauen im fortgeschrittenen Alter, ein Mann, dessen Kopf sie noch nicht hatten finden können, und zwei Jungen. Bedächtig legte sie den Körper des Mädchens neben den Frauen ab. Dann wischte sie sich Ruß und Tränen aus dem Gesicht und marschierte entschlossen zurück zu der Wagenburg.

Sie kehrte zu der Stelle zurück, an der das Kind gelegen hatte. Um weiter vorzudringen, musste sie eine Barriere aus zerbrochenen Fässern überwinden. Direkt dahinter fand sie die nächste Leiche. Diesmal musste sie erst einen Pavahund vertreiben, der nur widerwillig von seiner Beute abließ. Der kleine Aasfresser fauchte sie an, besaß aber nicht den Mut ihr entgegenzutreten. Nachdem sie mehrmals auf den Boden gestampft und einen kleinen Stein nach ihm geworfen hatte, zog er schließlich winselnd von dannen.
Entsetzt starrte sie auf die Tote. Sie hätte nicht gedacht, dass ihr ein Anblick noch näher gehen konnte als der des toten Mädchens. Nun musste sie sich eingestehen, dass sie sich geirrt hatte. Die junge Frau war kaum älter als sie selbst. Man hatte sie entkleidet und an ein Wagenrad gebunden. Ihr einst hübsches Gesicht war mit Tränen und Blut verschmiert. Der Strick, mit dem sie erdrosselt wurde, hing noch immer um ihren Hals. Tino‘tas Kehle wurde trocken. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr aufhalten. Niemand durfte so etwas tun. Nicht so. Aber es war nicht die Art, wie die junge Frau gestorben war, die Tino‘ta am meisten mitnahm, es war die Tatsache, dass sie schwanger gewesen war.
Verzweifelt wandte sich Tino‘ta ab, doch wohin sie auch schaute, überall lagen Tote; erschlagen, erdrosselt, ausgeweidet. Das war kein Kampf gewesen, sondern Mord.

»Etwas stimmt hier nicht«, Kelosas Stimme ließ Tino‘ta herumwirbeln. Der große Jäger war über und über mit Ruß bedeckt. An seinen Armen klebte Blut, das nicht von ihm stammte.
»Etwas stimmt nicht?«, stieß sie hervor. Wut funkelte in ihren Augen. »Jemand schlachtet unschuldige Kinder und Frauen ab und alles, was dir dazu einfällt, ist: Etwas stimmt nicht?«
»Du verstehst mich falsch«, verteidigte sich Kelosa. »Ich meine nicht diese Gräueltaten, sondern die Umstände.«
Tino‘ta sah ihn verwirrt an. »Wie meinst du das?«
»Schau dich doch um. Hier stehen die Überreste von sieben Wagen. Hast du jemals gehört, dass eine Sippe nur mit sieben Wagen durch diesen Landstrich gezogen ist?«
»Vielleicht wurden sie von den anderen getrennt? Oder der Rest der Sippe ist nach dem Kampf weitergezogen.«
»Und hat die Toten so zurückgelassen? Niemals!«
Kelosa bückte sich und hob etwas vom Boden auf. Es sah aus wie ein zerbrochenes Schmuckstück. Nachdenklich drehte er es zwischen den Fingern.
»Und noch etwas«, fuhr er nach einer Weile fort. »Hier liegen mehr Leichen und tote Zugtiere, als dass es nur sieben Wagen gewesen sein können. Vielleicht haben sie die Wagen irgendwo leer zurücklassen müssen. Alles in allem sieht das hier aus, als wäre es wie eine normale Sippe gewesen. Aber etwas fehlt.«

Leseprobe aus „Der Traum der Jägerin

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Totentanz

Totentanz - eBook„Blut auf den Händen; Blut auf der Seele; Blut, das ihren Bund besiegelt, das sie untrennbar macht. Ein Opfer für die Liebe.“ So beginnt die erste Geschichte in „Totentanz“. In dieser Sammlung habe ich sechs Kurzgeschichten vereint, die alle eines gemeinsam haben: den Tod. Aber dass heißt nicht, dass es sich hierbei um blutrünstige Storys handelt, sondern wir begeben uns auf eine Reise in die Seelen der Menschen und begegnen den unterschiedlichen Gefühlen, welche die Protagonisten beim Thema Tod bewegen: Angst, Reue, Gier aber auch Hoffnung und Liebe.

„Totentanz“ ist als eBook (Amazon Kindle, Kobo ePUB und XinXii ePUB) sowie als Taschenbuch erhältlich.

Klappentext: Seelen verschmelzen für die Ewigkeit, der Tod verliert seine Bedeutung und die Angst ist ein ständiger Begleiter in den sechs tödlichen Geschichten der Anthologie »Totentanz« von J.R. Kron.

Eine verbotene Affäre zwingt die junge Geliebte zu einer unorthodoxen Lösung, ein Gefangener wartet auf sie Sühne, ein Mord im alten Rom zieht seine Fäden bis ins entfernte Germanien, drei Kreuzritter begegnen in den Katakomben der heiligen Stadt ihrem Schicksal, für eine junge Ehefrau birgt die Einsamkeit der Rocky Mountains ungeahnte Gefahren und ein uraltes Fruchtbarkeits-Ritual in einem brennenden Tempel führt die Geschichte zu ihrem Anfang zurück.

Kurzgeschichten:

  • Totentanz
  • Fremde Sühne
  • Blutmond
  • Das Blut der Heiden
  • Die Hütte am See
  • Das Ritual

Der Knopf

Der Knopf - eBookEigentlich ist »Der Knopf« keine Kurzgeschichte, er ist ein Gefühl. Und genau deswegen finden ihn die Einen fantastisch und die Anderen verstehen ihn nicht. Und so ist das Science-Fiction Setting, in dem die Story angesiedelt ist, nicht wirklich wichtig. Genauso gut hätte die Geschichte, nach Anpassung der Rahmenhandlung, in unserer Zeit spielen können, denn Gefühle sind zeitlos. »Der Knopf« ist auch für jemanden empfehlbar, der sonst mit Scifi nichts am Hut hat.

Viel Spaß damit, aber denkt immer daran: Horror beginnt im eigenen Kopf …

Der Knopf ist als eBook für 99 Cent (Amazon Kindle und Kobo ePUP) und als Taschenbüchlein erhältlich.

Klappentext: Was als harmonisches Wochenende geplant war, endet in einem Trip in den Wahnsinn. Ein unerwarteter Anruf, ein unaufschiebbarer Test und ein Raumjäger, der eigentlich gar nicht fliegen kann, führen auf eine Reise, an deren Ende die eigene Angst steht.

Der Wolf und der Geist

Der Wolf und der Geist - eBookWildes Land, so hieß das Buch, in dem »Der Wolf und der Geist« 2005 das erste Mal erschien. Seit dem ist diese Geschichte um einen verarmten Ritter, der hofft, mit der Jagd auf zwei Fantasiegestalten seine Ehre wiederzufinden, überarbeitet und einem erneuten Lektorat unterzogen worden. Die Story ist als eBook für 99 Cent (Amazon Kindle und Kobo ePUB ) und als Taschenbuch erhältlich.

Klappentext:

Gerbald von Habenstein hat alles verloren: seine Ländereien, seine Ehre und vor allem seine Selbstachtung. Als er sich auf eine Mission begibt, um das Land von dem Schrecken zu befreien, der nachts aus den Sümpfen steigt, muss er erkennen, dass manche Legenden einen tödlichen Kern enthalten.

Leseprobe:

Ein Bier noch

Das eBook ist erhältlich bei: Auch als Taschenbuch erhältlich:
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Blutmond

Blutmond - GRATISEin Gratis eBook für Euch: Die Kurzgeschichte „Blutmond“ in den Formaten ePUB und als mobi (Kindle). Der kleine Historische Krimi spielt, nach einem kurzen Prolog auf einer Ausgrabungsstätte, in der Römerzeit. Viel Spaß damit!

Klappentext: Um der Gerechtigkeit zu entgehen, flieht Manius aus Rom und schließt sich der Legion an. Doch als plötzlich ein Fremder in dem kleinen Feldlager am nördlichen Odenwaldlimes auftaucht und anfängt Fragen zu stellen, holt ihn seine dunkle Vergangenheit wieder ein. Um seine Haut zu retten, fasst er einen verzweifelten Plan. Alles scheint perfekt zu laufen, doch dann merkt Manius, dass er einen entscheidenden Fehler gemacht hat.

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