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Das Rad zerbricht

Am 15.07. geht es weiter mit Tino’ta. „Das Rad zerbricht“ ist der Titel der neuen Episode, die den ersten Teil des Bandes „Die Stadt der tausend Wasser“ beinhaltet. Die einzelnen Episode kommen zuerst als eBooks heraus. Wenn alle Teile veröffentlicht sind, wird das Taschenbuch veröffentlicht.

Bis dahin kann ich denen von Euch, die Tino’ta noch nicht kennen, gerne nochmals „Der Traum der Jägerin“ ans Herz legen. Das Buch gibt es auch als Episoden Edition zum Taschengeldpreis.

Der Traum der Jägerin” – Episodenliste:

Teil 1: Schattenlöwen
Teil 2: Verbranntes Fleisch
Teil 3: Die Worte der Toten
Teil 4: Überraschungen in der Nacht
Teil 5: Das falsche Bild
Teil 6: Der Orkrat 

Mehr Infos zu den Episoden gibt es hier: obsitia.wordpress.com/episoden-edition

Verbranntes Fleisch

Der Regen war stärker geworden, doch Tino‘ta bemerkte es nicht. Wie betäubt bewegte sie sich zwischen den Überresten des Wagenzuges. Der Wind versetzte die Oka Bäume in ein beständiges Rauschen. Das aufgeregte Geschrei von Vögeln mischte sich mit dem Keifen der Pavahunde, sie sich um ihre Beute stritten. Gelegentlich knackte es in dem noch immer schwelenden Holz. Weißer Dampf stieg zischend auf, wo der Regen auf die verbleibenden Glutnester fiel. Der Brandgeruch war allgegenwärtig. Er hatte den Duft des Morgens vertrieben. Verschmortes Holz, Haare und Fleisch, der Gestank trieb Tino‘ta die Tränen in die Augen. Da waren noch andere Ausdünstungen. Bei jedem ihrer Schritte drängte sich eine weitere in den Vordergrund und verblasste wieder: Urin, verschmorter Kot und der metallische Geruch von Blut. Tino‘ta blieb stehen, um einen abgebrochenen Pfeil zu betrachten, der aus einer verkohlten Deichsel ragte. Ihre Hand glitt über den Schaft und verharrte kurz an der Bruchstelle. Eine zierliche Gestalt, halb unter dem Wagen verborgen, zog ihre Blicke an. Es war ein kleines Mädchen, die weit aufgerissenen Augen starr, die Hand im Tod fest um die Puppe eines Laufvogels geklammert. Vergangenheit und Gegenwart drängten gleichermaßen auf Tino‘ta ein. Ein anderes Orkmädchen tauchte in ihrer Erinnerung auf, das verzweifelt versuchte die geliebte Puppe hinter ihrem Rücken zu verbergen – vergeblich. Es war der Tag, an dem ihre Mutter ihr eröffnete, dass sie nun zu alt sei, um noch ein Kind zu sein. Damals hatte sie es nicht verstanden. Noch Stunden später hatte sie weinend vor dem Feuer gesessen, in dem ihre Mutter die Puppe verbrannt hatte; es waren die letzten Tränen ihrer Kindheit. Doch dann war die Zeit gekommen, die alles veränderte. Sie war erwachsen geworden. Ein vollwertiges Mitglied des Klans. Und mit einem Mal war die Kinderzeit vergessen; das geliebte Spielzeug nur noch ein Schatten der Vergangenheit.
Bis jetzt.
Ork überfallene KarawaneTino‘ta ging in die Hocke. Sanft schloss sie die Augen der Kleinen und legte ihr die Puppe auf die Brust. Dann erst zog sie den leblosen Körper vollständig unter dem Wagen hervor und hob sie vorsichtig auf. Obwohl sie es besser wusste, hatte sie das Gefühl, sie dürfe den Schlaf des Mädchens nicht stören. Sie richtete sich auf und begann, sich den Weg aus dem Trümmerfeld hinaus zu suchen. Die Wagen hatten Tino‘ta immer ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Die riesigen Räder, die sie selbst dann noch überragten, wenn sie auf Na’tarva ritt, die massiven Aufbauten, die die Habe der Sippe und die Kinder trugen und die mächtigen, gebogenen Deichseln, an denen die Muhvak-Stiere angejocht wurden. All das hatte sie bisher mit Heimat verbunden. Jeder Ork, der nicht zu alt zum Wandern war, verbrachte die Hälfte seines Lebens in den Wagen. Abends, wenn sie sich einen Platz zum Rasten suchten, stellten die Wagenführer ihre Gefährte in einem Kreis auf, die Deichseln nach innen gerichtet. Dann wurden Planen von Deichsel zu Deichsel gespannt, so dass ein gewaltiger Zeltkreis entstand, der seine Bewohner vor Wind und Wetter schützte. In der offenen Mitte dieser Wagenburg brannte das große Feuer. Hier brieten die Frauen das Fleisch, und wenn die Dunkelheit kam, erzählten die Männer Geschichten aus vergangenen Tagen, während sich die Kinder in die Arme ihrer Mütter kuschelten. Die schweren Wagen selbst dienten als Abschirmung gegen Tiere und etwaige Feinde. Es entstand eine Festung, in der die Orks sich behütet fühlen konnten. Zusammen mit den Kriegern, die jeder Sippe angehörten, bildete die Wagenburg den vollkommenen Schutz der Sippe – der Familie. Die Kinder wussten es, die Mütter wussten es und auch Tino‘ta wusste es … bis heute. Wer auch immer die Orks hier abgeschlachtet hatte, sie hatten ihn nicht als Feind betrachtet, bevor es zu spät war. Und so nahe an der Grenze zu den Ländern der Menschen konnte es nur einen Schuldigen geben.
Tino‘ta zwängte sich zwischen einem zerbrochenen Rad und dem Kadaver eines Muhvak-Stiers hindurch. Die verdrehten Augen des großen Tieres standen offen. Seine Zunge, die die Länge von Tino‘tas Arm hatte, hing ihm aus dem Maul. Für einen Moment übertünchte der Gestank seines nassen Felles alle anderen Gerüche.
Tino‘ta erreichte die Stelle, an der schon sieben andere Leichen lagen. Vier Frauen im fortgeschrittenen Alter, ein Mann, dessen Kopf sie noch nicht hatten finden können, und zwei Jungen. Bedächtig legte sie den Körper des Mädchens neben den Frauen ab. Dann wischte sie sich Ruß und Tränen aus dem Gesicht und marschierte entschlossen zurück zu der Wagenburg.

Sie kehrte zu der Stelle zurück, an der das Kind gelegen hatte. Um weiter vorzudringen, musste sie eine Barriere aus zerbrochenen Fässern überwinden. Direkt dahinter fand sie die nächste Leiche. Diesmal musste sie erst einen Pavahund vertreiben, der nur widerwillig von seiner Beute abließ. Der kleine Aasfresser fauchte sie an, besaß aber nicht den Mut ihr entgegenzutreten. Nachdem sie mehrmals auf den Boden gestampft und einen kleinen Stein nach ihm geworfen hatte, zog er schließlich winselnd von dannen.
Entsetzt starrte sie auf die Tote. Sie hätte nicht gedacht, dass ihr ein Anblick noch näher gehen konnte als der des toten Mädchens. Nun musste sie sich eingestehen, dass sie sich geirrt hatte. Die junge Frau war kaum älter als sie selbst. Man hatte sie entkleidet und an ein Wagenrad gebunden. Ihr einst hübsches Gesicht war mit Tränen und Blut verschmiert. Der Strick, mit dem sie erdrosselt wurde, hing noch immer um ihren Hals. Tino‘tas Kehle wurde trocken. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr aufhalten. Niemand durfte so etwas tun. Nicht so. Aber es war nicht die Art, wie die junge Frau gestorben war, die Tino‘ta am meisten mitnahm, es war die Tatsache, dass sie schwanger gewesen war.
Verzweifelt wandte sich Tino‘ta ab, doch wohin sie auch schaute, überall lagen Tote; erschlagen, erdrosselt, ausgeweidet. Das war kein Kampf gewesen, sondern Mord.

»Etwas stimmt hier nicht«, Kelosas Stimme ließ Tino‘ta herumwirbeln. Der große Jäger war über und über mit Ruß bedeckt. An seinen Armen klebte Blut, das nicht von ihm stammte.
»Etwas stimmt nicht?«, stieß sie hervor. Wut funkelte in ihren Augen. »Jemand schlachtet unschuldige Kinder und Frauen ab und alles, was dir dazu einfällt, ist: Etwas stimmt nicht?«
»Du verstehst mich falsch«, verteidigte sich Kelosa. »Ich meine nicht diese Gräueltaten, sondern die Umstände.«
Tino‘ta sah ihn verwirrt an. »Wie meinst du das?«
»Schau dich doch um. Hier stehen die Überreste von sieben Wagen. Hast du jemals gehört, dass eine Sippe nur mit sieben Wagen durch diesen Landstrich gezogen ist?«
»Vielleicht wurden sie von den anderen getrennt? Oder der Rest der Sippe ist nach dem Kampf weitergezogen.«
»Und hat die Toten so zurückgelassen? Niemals!«
Kelosa bückte sich und hob etwas vom Boden auf. Es sah aus wie ein zerbrochenes Schmuckstück. Nachdenklich drehte er es zwischen den Fingern.
»Und noch etwas«, fuhr er nach einer Weile fort. »Hier liegen mehr Leichen und tote Zugtiere, als dass es nur sieben Wagen gewesen sein können. Vielleicht haben sie die Wagen irgendwo leer zurücklassen müssen. Alles in allem sieht das hier aus, als wäre es wie eine normale Sippe gewesen. Aber etwas fehlt.«

Leseprobe aus „Der Traum der Jägerin

So erniedrigend

Es war so erniedrigend! Der Mensch hatte sie getragen! Wie ein kleines Kind! Immer noch verschnürt und hilflos hatte er sie aufgehoben und sich einfach über die Schulter geworfen. Ihre Versuche, sich aus seinem Griff zu befreien, waren vergeblich gewesen. Und jetzt hatte er sie auch noch dem anderen Menschen wie ein Brautgeschenk vor die Füße gelegt. Vor Wut hätte Tino‘ta heulen können. Wenn sie nur aus ihren Fesseln herauskäme, wenn sie doch nur ihre Arme wieder gebrauchen könnte, sie würde es diesen Menschen schon zeigen. Sie würde ihnen ihre Arroganz mitsamt ihrem Leben austreiben.

Sie richtete ihren Zorn auf den großen Mann, vor dessen Füßen sie nun lag und der sie mit einem gewissen Grad an Neugier und Überraschung betrachtete.

»Warum hast du sie gefangen?« In der Stimme des Mannes war kein Vorwurf, er akzeptierte die Entscheidung des Anderen, wollte aber den Grund verstehen.

»Das habe ich nicht, Hauptmann«, antwortete nun der Mann, der maximal ein Jahr älter war als sie selbst. »Ich habe sie so gefunden. Sie lag verschnürt wie ein Päckchen in einer Bodensenke. Vielleicht hat sie jemand dort verloren, obwohl ich eher glaube, dass sie demjenigen, der sie so fein eingeschnürt hat, entkommen ist. Es ist schwer, sie zu halten. Sie ist wie eine Wildkatze. Sie hat mich sogar in den Rücken gebissen.«

Der Mann, den der andere als Hauptmann angeredet hatte, kniete sich neben Tino‘ta nieder und sah ihr ins Gesicht. Sie überkam das seltsame Gefühl, seine grünen Augen vorher schon mal gesehen zu haben. Mit voller Kraft zerrte sie an ihren Fesseln, doch das Einzige, was sie bewirkte, war ein stechender Schmerz in der Schulter.

»Mein Name ist Orman.« Seine Stimme war tief und schwang in ihren Eingeweiden nach. Tino‘ta antwortet nicht. Ihre Augen sprühten Funken vor Zorn.

»Ich will wissen, was da vor uns passiert«, fuhr er nach einigen Augenblicken fort. »Irgendetwas geht heute Nacht in diesem Wald vor sich und ich denke, du kannst mir etwas darüber erzählen. Alles, was ich will, sind ein paar Antworten.«

Was bildete er sich ein?! Das war Orkland, wie konnte er hierherkommen und sie, gefesselt und hilflos, verhören, als sei sie der Eindringling und nicht er. Dass er dabei so ruhig blieb, machte alles noch schlimmer. Tino‘ta bäumte sich auf. Ein unartikulierter Zorneslaut drang aus ihrer Kehle, sie wollte ihn schlagen, ihn beißen, aber er wich nicht einmal zurück. Tränen der Wut liefen ihr übers Gesicht. Verzweifelt und erschöpft sank sie zurück auf den Waldboden.

»Du willst also nicht antworten? Oder verstehst du mich nicht?«

Natürlich hatte sie die Sprache der Menschen der Grenzlande gelernt. Eine Notwendigkeit für die Orks, die jedes Jahr durch diese Gegend zogen, um zu ihren Winterquartieren zu kommen, aber erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, dass er zu ihr nicht in seiner, sondern in ihrer Sprache gesprochen hatte. Ein Riss aus Verwirrung ließ den Damm der Wut brechen.

Ork Wagen 2»Nein! Ich will nicht!« Sie wusste, wie dumm ihre Worte klingen mussten. »Fühlt ihr euch stark, weil ihr eine gefesselte Frau verhöhnen könnt? Was haben wir euch getan? Wenn ihr uns vernichten wollt, dann versucht es doch im offenen Kampf! Aber dafür habt ihr keinen Mut. Das ist unser Land! Ihr habt hier nichts zu suchen. Ihr kommt hierher und führt euch auf, als wärt ihr die Herren. Ihr schlachtet unsere Kinder ab, vergewaltigt hilflose Mütter und verbrennt unsere Wagen. Warum? Ihr …« Tino‘ta verstummte. Sie hatte jede Reaktion von dem Menschen erwartet: Wut, Aggressivität, sogar ein Messer zwischen den Rippen, aber sie würde nie wieder diesen Ausdruck von Schmerz und Entsetzen vergessen, der für einen winzigen Moment in seinen grünen Augen aufleuchtete. Das Gefühl, in seine Seele geblickt zu haben, raubte ihrer Wut die Worte.

Orman richtete sich auf. Fast nebenbei wurde ihm bewusst, dass einige seiner Männer zu ihm getreten waren. »Schneide sie los«, befahl er an Lacaru gewandt. Und als er das Zögern des Mannes bemerkte, fügte er ein »Tu es« hinzu, das viel schärfer klang, als er beabsichtigt hatte.

»Du bist frei«, sagte er zu Tino‘ta.

»Was?«

»Nun, du kannst gehen. Wie du sagtest, es ist euer Land und ich habe weder das Recht noch die Absicht, dich hier festzuhalten. Ich werde auch allein herausfinde, was hier vor sich geht.«

Leseprobe aus „Der Traum der Jägerin

 

Es hat begonnen

»Es hat begonnen.«

Die Worte, fast nur ein Flüstern, ließen Ardon erschauern. Etwas Tödliches berührte seine Seele und presste sie unerbittlich zusammen. Er atmete tief ein, schüttelte die Beklemmung ab und trat an die Seite seines Meisters. Trotz der Wärme des lauen Sommerabends, die durch die Fenster des Turmzimmers drang, fröstelte es ihn.

Vor den Augen der beiden Menschen erstreckten sich die Ausläufer des Barkan Gebirges tief in die grüne Finsternis des Hallach Waldes hinein. Schatten krochen zwischen den großen Bäumen des Waldes hervor, zuckten vor dem Licht zurück und verbargen sich wieder unter den uralten Bäumen. Mit einem flauen Gefühl im Magen betrachtete Ardon die Reiter, die der schlängelnden Linie des Pfades zwischen dem Sumpf und dem Forst folgten. Er konnte den Mann, welcher der gemischten Truppe voran ritt, kaum noch erkennen, aber seine Erinnerung an ihr letztes Treffen war noch frisch. Das schattenhafte Lächeln, das immer wieder in den ansonsten reglosen Zügen des Elfen aufblitzte, würde er genauso wenig vergessen wie dessen silbrig graue Augen. Sie waren wie ein Spiegel, in dem man seinen eigenen Tod sehen konnte.

Nun zügelten die Männer ihre Pferde, berieten sich kurz und folgten dann der alten Ork-Straße, die sie in einem weiten Bogen durch den Hallach nach Süden bringen würde. Wenige Minuten später zeugten nur noch gelegentlich Vogelschwärme, die aufgeregt das Blätterdach des Waldes durchbrachen, von der Route, der die Männer folgten.

»Wir hätten ihm nicht vertrauen sollen.« Ardon blickte bei diesen Worten weiterhin auf das sich vor ihm erstreckende Meer aus Bäumen. »Ich habe seinesgleichen noch nie leiden können.«

»Du verwunderst mich.« In Laszans Stimme schwang Belustigung mit. Der Priester legte seine Hand auf Ardons Schulter und drückte sie sanft. Fahle Haut, mit gelblichen Flecken übersät, spannte sich pergamentartig über die Knochen seiner Finger. Unter seiner schmucklosen, grauen Robe zeichnete sich sein ausgemergelter Körper ab. Mit seinen sechs Fuß war er hochgewachsen. Die Kapuze des Umhangs hatte er so weit vorgezogen, dass sein Gesicht vollkommen im Schatten verborgen lag. Fast schien es, als scheue der alte Priester das Licht des Tages. »Ich hätte dich nicht für einen Rassisten gehalten.«

»Das meine ich nicht«, sagte Ardon und war einen Moment selbst nicht sicher, ob das stimmte. »Es ist mir egal, ob er ein Elf ist oder was auch immer. Es ist seine Zunft, die mich abstößt. Wie kann man einem Mann trauen, der in dem Leben Anderer nur etwas sieht, das man in Münzen aufwiegen kann. Er macht mir Angst.«

»Solange es unsere Münzen sind, sollte dich das nicht beunruhigen.« Die Belustigung war aus Laszans Stimme verschwunden, als er fortfuhr: »Aber du irrst dich, was Vehstrihns Motivation anbetrifft. Und das, mein lieber Ardon, sollte dir wirklich Angst machen.« Seine letzten Worte waren nur noch ein Flüstern. Mit einer fließenden Bewegung, die man einem Mann, der die siebzig Lenze schon lange hinter sich gelassen hatte, gar nicht zutrauen würde, wandte der Priester sich vom Fenster ab. Er durchquerte den ovalen Turmraum mit wenigen Schritten und begann mit dem Abstieg. Kurz bevor ihn der steinerne Treppenabgang endgültig verschlungen hatte, drehte er sich noch einmal zu seinem Schüler um.

»Es ist gut, Angst zu haben, Ardon, denn die Angst macht dich vorsichtig. Nur ein Narr hat keine Angst, wenn er mit einem gefährlichen Werkzeug arbeitet. Und die Friedhöfe sind voll von Narren. Doch wenn man sich der Gefahr bewusst ist und das Werkzeug mit Bedacht handhabt, dann kann man ein Kunstwerk schaffen, das die Zeiten überdauert. Und Vehstrihn ist fürwahr ein Werkzeug, das, von den richtigen Händen geführt, in der Lage ist, ein Monument von schier unvorstellbarer Schönheit zu schaffen.«

Ardon starrte noch einige Momente auf die Stelle, an der sein Meister soeben das Turmzimmer verlassen hatte. Ein lauer Windstoß fegte durch das Fenster hinter ihm und ließ seine aschblonden Haare um seine Schultern wehen. Er brachte den Gestank von Verwesung mit sich. Selbst hier oben, in der alten Felsenfestung, die sich an die fast lotrechten Flanken des Berges klammerte, waren die Fäulnisdämpfe, die unaufhaltsam aus den Tiefen des Sumpfes hervordrangen, allgegenwärtig.

Ardon wandte sich wieder dem Fenster zu und kniff die blauen Augen zusammen, um besser sehen zu können. Sein Gesicht war ebenmäßig, fast feminin. Trotz seiner vierundzwanzig Jahre hatte sich noch kein Bartwuchs einstellen wollen, lediglich ein zartblonder Flaum zierte sein Kinn. Den dunkelgrauen Novizenumhang, der seine schlanke Gestalt umhüllte, hatte er mittels einer blauen Kordel an den Hüften geschnürt. Die Kapuze trug er zurückgeschlagen. Seine Füße steckten in wildbraunen Lederschuhen, die seine Zehen freiließen. Wie auch sein Meister war Ardon mit sechseinviertel Fuß überdurchschnittlich groß.

Ork überfallene KarawaneNichts als Sumpf, Wald und Steine, dachte er. Geisterland nannten die Orks das Gebiet, in dem Laszans alte Felsenburg lag, und Ardon fand den Namen sehr passend. Wenn er nachts wach lag und dem Heulen und Klagen lauschte, das die Burg einhüllte, dann war er um jeden der Bannsprüche froh, die sein Meister um das alte Gemäuer hatte legen lassen. Und die Geister waren nicht das Gefährlichste, was in dieser Gegend lebte, wobei leben vielleicht nicht das richtige Wort war. Auch wenn er nicht behaupten konnte, etwas in diesen Wäldern gesehen zu haben, so wusste er doch, dass es da war. Ein scharfes Knacken zwischen den Bäumen, eine Bewegung aus dem Augenwinkel oder die kurzen, spitzen Todesschreie der Waldtiere waren ihm Beweis genug. Ein alter elfischer Foliant, der sich mit den Legenden der Orks beschäftigte und den Ardon nur sehr ungenügend übersetzen konnte, hatte ihm die Geschichte eines Krieges erzählt, die über die Vorstellungskraft der Menschen hinausging. Die letzte Schlacht zwischen den Göttern und den Alten hatte das magische Gefüge zerrissen, und das, was aus diesen Rissen hervorgekrochen kam, schlich noch immer hier irgendwo herum. Am Ende waren die Alten, wer auch immer das gewesen war, besiegt und eingeschlossen worden, doch die Narben dieses Konfliktes zeichneten das Land bis heute. Und dieser Ort hier war einer dieser Narben. Die Orks wussten das. Es war verbotenes Land. Nie würden sie einen Fuß hierher setzen. Und genau deshalb war dieser Ort für Laszan und seine Pläne so ideal.

Ardon zog seinen Umhang fester um die Schultern. In seinem Kopf jagten sich die Gedanken. Etwas Großes schaffen, hatte sein Meister gesagt. Etwas Großes? Gewiss! Aber ein Kunstwerk? Ein kalter Druck breitete sich in Ardons Brust aus. Fühlte sich so ein Künstler, wenn sein Werk begonnen war? Hier ging es nicht darum, eine Statue zu erschaffen. Hier ging es um das Schicksal der drei Rassen. Ihr Rohstoff war nicht ein Block aus kaltem Stein, es waren die heißen Emotionen unzähliger Seelen. Und ihr Werkzeug waren nicht etwa Hammer und Meißel, nein, bei diesem Werkzeug handelte es sich um das pure Grauen.

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Zu spät!

Fackeln erhellten die Nacht als Orman mit seinen Männern auf die Mauern Kolfurts zuritt. Der Mond schimmerte rot auf den Fluten des Parzevals. Die Luft war noch immer mit dem Gestank des Brandes schwanger.

Flackerndes Licht ließ Schatten über eine frisch ausgehobene Grube zur Linken der Straße huschen. Fünf Männer standen dort und beobachteten die Reiter misstrauisch. Sie hatten sich Tücher vors Gesicht gebunden. Mehrere in grobes Leinen eingeschlagene Bündel lagen zu ihren Füßen im feuchten Gras. Aus einem der Bündel ragte eine zierliche Hand.

Orman zügelte seinen Rappen und blickte zu dem Hügel, der sich zwischen dem Massengrab und der Stadtmauer erhob. Hunderte von Menschen hatten sich dort versammelt.

Mit flauem Gefühl im Magen gebot Orman seinen Leuten zu warten und ritt die Flanke des Hügels hinauf. Zäh und unwillig teilte sich die Menge vor ihm. Schweigend starrten die Menschen ihn an. Ihre Blicke erzählten von Angst, Wut und Reue. Einige der fahlen Gesichter waren rußgeschwärzt. Andere wiesen Schrammen oder Verbände auf. Doch allen gemeinsam war das beklommene Misstrauen, mit dem sie den Hauptmann beäugten.

Zu spät! Patrars Worte hallten in Ormans Kopf wieder. Aber das hatte er nicht gemeint, oder? Und zu spät war ein sehr dehnbarer Begriff. Für die Menschen, die neben der Grube im Gras lagen, war es definitiv zu spät. Aber was ihn auf dem Hügel erwartete, machte ihm wirklich Sorgen. Es war diese Art von Hügel, der zu jeder Stadt gehörte, die eine eigene Gerichtsbarkeit besaß. Gut in Sichtweite, damit er seine abschreckende Wirkung aufrechterhielt, und doch so weit weg von den Mauern, dass der Gestank nicht ständig präsent war. Faszination und Bedrohung gingen davon aus, es war ein Ort der Endgültigkeit. Normalerweise waren diese Hügel kahl, doch in Kolfurt hatte man eine Reihe Bäume so angepflanzt, dass die eigentliche Hinrichtungsstätte von der Straße nicht sofort einsehbar war. Eine gnädige Maßnahme, die vermutlich dazu diente die Kaufleute und Händler, welche die Stadt am Leben hielten, nicht schon bei ihrer Ankunft abzuschrecken.

Wenige Augenblicke später erreichte Orman den Gipfel des Richthügels. Der alte Galgen war leer. Doch unweit davon hatten die Stadtbewohner ein neues Schafott zusammengezimmert. Große Teile des Baumaterials stammten offensichtlich von den riesigen Wagen mit der charakteristisch gebogenen Deichsel, die auf der anderen Seite des Hügels in einem kleinen Hain standen. Orman zählte ein Dutzend Fahrzeuge. Das frisch errichtete Gerüst aus drei Längs- und fünf Querbalken trug reichlich Früchte. Dicht aufgereiht hingen die Leichen der Orks: Männer, Frauen und Kinder – keiner war verschont worden.

Ja, dachte Orman, das bedeutet ‚zu spät‘.

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