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Trailer zu „Der Traum der Jägerin“

Ich habe mich mal an einem Video-Trailer zu meinem Fantasyroman „Der Traum der Jägerin“ versucht.

Ich hoffe, er macht Euch ebenso viel Spaß beim Schauen, wie mir beim Erstellen.


http://www.youtube.com/watch?v=6L58xZqHcKU

Und natürlich: teilen, teilen, teilen 😉

Ein Bier noch

»Ein Bier noch. Bitte.«

»Nein, Ihr habt schon genug gehabt. Das Zeug bringt Euch eines Tages noch um.«

Behutsam entzog sich die Frau dem Griff des Mannes. Mit einer geübten Bewegung stellte sie den umgefallenen Krug wieder auf den Tisch, während sie mit der anderen Hand das vergossene Bier aufwischte.

»Lasst ihn doch«, tönte eine raue Stimme durch kleinen Schankraum. »Was schadet es denn, wenn er sich tot säuft? Wahrscheinlich ist es sogar genau das, was er vorhat.«

Der Redner, ein hochgewachsener Mann Mitte zwanzig, grinste breit. Er trug edle Kleidung und passte nicht so recht in die bescheidene Taverne. Was er sagte, schien ihm selbst gut zu gefallen. Er strich sich das blonde Haar zurück und blickte vergnügt zu seinen beiden feixenden Begleitern. Seine blauen Augen funkelten.

»Wirt!«, rief er, wobei er darauf achtete, dass ihn auch alle sehen konnten. »Noch eine Maß für unseren Gerbald. Seine Kriegerseele braucht Balsam.«

Die brünette Schankmaid packte den leeren Bierkrug und warf dem jungen Mann einen scharfen Blick zu. Dann sah sie den Wirt an und schüttelte leicht den Kopf.

»Er hat mal wieder zu viel getrunken«, sagte sie an diesen gewandt. »Ich richte ihm einen Schlafplatz in der Scheune. In diesem Zustand sollte er besser nicht mehr nach Hause laufen.«

»Was?«, meldete sich der Blonde direkt hinter ihr. Eine Hand legte sich um ihre Hüfte. »Dem Säufer richtet Ihr ein Bett, und mir wollt Ihr nicht einmal einen Kuss gönnen?«

Sie fuhr herum, den Arm mit dem Krug weit ausholend. Doch der Mann kam ihr zuvor. Geschickt fing er ihren Schlag ab und zog die zierliche Frau zu sich heran. Verzweifelt wand sie sich in seinem Griff.

»Lasst mich los, Harald! Ihr tut mir weh!«

»Stellt Euch nicht so an. Ich werde Euch nichts tun. Alles, was ich will, ist ein kleiner Kuss.«

»Lasst sie in Ruhe«, ließ der Wirt vernehmen. Er hatte die Theke umrundet und trat auf die beiden zu. »Wenn Lilian sagt, dass sie nicht will, dann solltet Ihr das akzeptieren, oder …«

»Oder was?« Harald stieß Lilian von sich und wandte sich dem Wirt zu. »Wollt Ihr mir sagen, was ich zu tun habe? Wollt Ihr, dass ich zu meinem Vater gehe und ihm erzähle, dass Ihr Euch in unsere Angelegenheiten einmischt? Vielleicht seid Ihr ja der Meinung, dass Ihr zu wenig Steuern zahlt?«

Der Wirt schüttelte den Kopf und trat zurück hinter die Theke. Als sein Blick den Lilians traf, senkte er ihn rasch zu Boden.

»Nachdem das nun geklärt ist«, fuhr Harald munter fort, »könnt Ihr unserem großen Krieger da drüben ja sein Bier bringen.«

»Warum tut Ihr das?«, fragte Lilian. In ihren grünen Augen schimmerten Tränen. »Was hat Euch Gerbald getan? Lasst ihn doch einfach in Ruhe.« Sie sah zu dem Mann, der zusammengesunken auf seinem Stuhl saß.

Seine Augen blickten unstet, fanden keinen Fokus. Der verwahrloste Bart enthielt angetrockneten Schaum und die Reste seiner letzten Mahlzeit. Das schwarze Haar war mit ersten grauen Strähnen durchsetzt, hing ihm wirr ins Gesicht und verdeckte fast die Narbe, die seine linke Wange zeichnete. Seine Haut war fahl und aufgeschwemmt.

Lilian trat zwischen ihn und Harald.

»Was findet Ihr nur an diesem Trunkenbold?« Harald schob sich näher an sie heran. »Er ist doch nicht mehr als ein Wrack. Wenn er noch nicht zubesoffen ist zum Reden, erzählt er von der guten alten Zeit. Erzählt von Schlachten, die er angeblich geschlagen haben will, und von seinen Heldentaten, die ihm sowieso niemand glaubt. Gegen die Sarazenen will er gekämpft haben und kann doch nicht einmal gerade laufen. Er ist nichts als ein sabbernder Suffkopf, der nicht mehr zwischen Erinnerung und Fantasie unterscheiden kann. Ich habe meinen Vater gefragt. Niemals hat er von einem Ritter namens Gerbald von Habenstein gehört. Sogar sein Name entspringt seinen Bierträumen, erkennt Ihr das nicht?«

Harald trat an Lilian vorbei und baute sich vor Gerbald auf.

»Nicht wahr?«, fragte er mit erhobener Stimme, »Ihr seid gar kein Ritter, wie Ihr uns weismachen wollt. Ihr seid nichts als ein elender Lügner. Und ein versoffener Aufschneider noch dazu.«

Mit einem Mal kam Leben in Gerbald. Er sprang auf und griff nach Harald. Doch er fasste daneben, der Schwung trug ihn an dem jungen Mann vorbei, und er stürzte zu Boden. Schwankend kam er wieder auf die Beine.

»Nimm das sofort zurück«, presste er mühsam hervor. Nur mit Schwierigkeiten konnte er die Worte artikulieren. »Ich bin, was ich sage. Ich …,ich bin …,ich

»Klar seid Ihr das«, erwiderte Harald lachend, »Ihr seid Ihr, der versoffene Lügner.«

»Ich bin kein Lügner. Ich bin mit König Ludwig gegen die Sarazenen geritten. Wir waren zusammen in Ägypten. Fragt Euren Vater. Er war auch dabei.« Er schwieg einen Moment und sein Blick verlor sich in den Tiefen der Vergangenheit. »Meistens jedenfalls«, fügte er fast unhörbar hinzu.

»Ihr seid also ein mutiger Krieger?« Haralds Stimme nahm einen bösartigen Unterton an. »Dann werdet Ihr das bestimmt auch beweisen wollen. Könnt Ihr das Land nicht vor einer ungeheuerlichen Gefahr retten?« Seine beiden Freunde, die noch am Tisch saßen, grinsten breit.

»Was für eine Gefahr?«

»Oh, nichts, womit ein so tapferer Krieger wie Ihr nicht fertig werden würde. Ich meine den Wolf und den Geist.«

»Nein!« Lilian stieß einen spitzen Schrei aus. »Das könnt Ihr nicht ernst meinen. Niemand, der nach dem Wolf und dem Geist gesucht hat, ist jemals wieder zurückgekehrt.«

»Mag sein«, erwiderte Harald mit dem unschuldigen Lächeln einer Klapperschlange, »aber jene waren auch nur abenteuerlustige Dummköpfe. Keiner von ihnen war ein echter Krieger, so wie unser Gerbald hier. Und außerdem«, fuhr er an Lilian gewandt fort, »sind das alles nur Gerüchte, um die Reisenden zu erschrecken, die verrückt genug sind, den Ostwald und das Moor nach Sonnenuntergang zu durchqueren.« Die letzten Worte hatte er so leise gesprochen, dass nur Lilian sie hören konnte.

Wütend funkelte sie ihn an. »Er wird sich im Moor verirren und den Tod in einem der Sumpflöcher finden. Wollt Ihr das wirklich verantworten?«

»Keine Angst, so weit wird es nicht kommen. Er macht sich schon lange vorher in die Hosen.« Harald winkte seine beiden Begleiter herbei. Er zeigte auf Gerbald, der krampfhaft versuchte, sich auf den Beinen zu halten. »Los, packt an. Wir bringen den Helden nach Hause, auf dass er sich rüsten kann.«

***

Harald, seine Männer und eine Handvoll Tavernenbesucher, die das Spektakel nicht verpassen wollten, waren ausgelassener Stimmung. Doch im Dunkel der Nacht klangen ihre Stimmen verloren, und ihr Lachen wurde von den Nebelschwaden, die zwischen den Hütten lauerten, aufgesogen. Rasch kehrte Stille ein.

Schweigend rückte die kleine Gruppe enger zusammen, während sie dem Rand des Dorfes und damit der Hütte des Kriegers näher kamen. Die Geschichten, die eben noch so fern gewesen waren, kehrten sogleich in ihre Erinnerung zurück. Jeder von ihnen hatte schon vom Wolf und dem Geist gehört. Der Legende nach hausten die beiden in den Sümpfen, die den Ostwald, der in Blickweite des Dorfes lag, durchzogen.

Wenn die Nacht und mit ihr die Nebel kamen, dann verließen Wolf und Geist ihre Ruhestätte, so hieß es, um nach verirrten Reisenden zu suchen. So mancher Alte erzählte, dass die beiden in besonders nebligen Nächten sogar direkt durchs Dorf zu schleichen wagten. Ihre Opfer schleppten sie dann in den nahe gelegenen Sumpf, wo man sie, wenn überhaupt, am nächsten Morgen ertrunken auffand. Bei Tageslicht oder im Schutz einer sicheren Hütte wurden diese Vorfälle schnell als Unfälle abgetan, doch nun, während sich die Gruppe durch den immer dichter werdenden Nebel bewegte, wurden die Legenden plötzlich zu einem bedrohlichen Schatten. Jeden Moment rechneten sie damit, die Silhouette eines aufrecht gehenden Wolfes oder das fahle Leuchten des Geistes im Nebel auftauchen zu sehen. Schritt für Schritt eilten sie schneller voran, bis sie endlich Gerbalds Hütte erreichten. Tief durchatmend drängten sich die Menschen in den kleinen, muffigen Wohnraum.

Außer dem spärlichen Nachtlager und einer großen Truhe enthielt die Hütte nur wenige, größtenteils auf dem Boden verstreut liegende Habseligkeiten. Achtlos in eine Ecke geworfen lugte ein Schild unter einem Haufen undefinierbarer Stofffetzen hervor. Zielstrebig ging Harald darauf zu. Mit spitzen Fingern entfernte er die alten Kleidungsstücke, und zum Vorschein kam eine Rüstung. Sie war verbeult und angelaufen. Das darauf liegende Schwert war schartig und von einer dünnen Schicht Flugrost überzogen.

»Ah, edler Ritter«, intonierte er, wobei er sich andeutungsweise vor Gerbald verneigte. »Ich sehe, dies sind Eure erlesene Rüstung und Euer magisches Schwert. Ihr habt doch sicher nichts dagegen, wenn wir Euch beim Ankleiden helfen, oder?« Mit diesen Worten winkte er seine beiden Begleiter heran. Den hasserfüllten Blick Lilians quittierte er mit einem triumphierenden Lächeln.

***

Eine halbe Stunde später stand Gerbald, gerüstet und gegürtet, vor seiner Hütte. Er schwankte leicht.

Harald betrachte zufrieden sein Werk. Nun konnte man Gerbald wirklich für einen Ritter halten, wenn auch für einen, der gerade von einem Schlachtfeld auferstanden war.

Sein Brustpanzer hatte Schlagseite, Arm- und Beinschienen hingen mehr schlecht als recht an ihren spröde gewordenen Lederriemen. Das Schwert baumelte schlapp in der maroden Scheide und in seinem Gürtel steckte ein alter Dolch. Sein Helm saß schief, und das Visier ließ sich nicht richtig schließen. Ein zu groß geratener Brotbeutel hing bis zum Knie herab. Rostflecken bedeckten weite Teile der Rüstung und wiesen im Mondlicht eine erschreckende Ähnlichkeit mit getrocknetem Blut auf. Gerbalds fahle Gesichtsfarbe und sein unbeteiligter Blick, der starr in die Dunkelheit gerichtet war, verstärkten den bizarren Gesamteindruck.

»Das reicht, Ihr hattet Euren Spaß!« Lilian stellte sich schützend vor Gerbald. Ihre Augen funkelten. »Lasst ihn endlich in Ruhe. Wenn er in seinem Zustand da hinausgeht, wird er sterben. Dazu braucht es weder Wolf noch Geist.«

Betretenes Schweigen war die Antwort. Niemand außer Harald wagte es, sie anzusehen.

Doch dann war es Gerbald, der die Stille brach.

»Es ist nicht ihre Entscheidung.« Ihm war anzuhören, dass er große Mühe hatte, klare Sätze zu formen. »Ich werde gehen. Ich werde mich dem Wolf und dem Geist stellen. Ich werde allen beweisen, dass ich kein Lügner bin. Ich bin ein Ritter.«

Mit diesen Worten wandte er sich um und lenkte seine schwankenden Schritte auf die Oststraße, die in Richtung Wald führte. Nach kurzer Zeit war er im Nebel verschwunden.

»Da geht er hin, der Narr«, sagte Harald und lachte verächtlich. »Wahrscheinlich kommt er nur bis zum Waldrand, wo er dann seinen Rausch ausschläft. Und morgen weiß er von nichts mehr. Lasst uns gehen.« Sein Blick blieb an einem Punkt im Nebel hängen, der etwas heller als die Umgebung zu sein schien. Für einen kurzen Moment glaubte er, eine zierliche Gestalt in einem wallenden weißen Gewand ausmachen zu können. Dann war die Erscheinung wieder verschwunden.

Plötzlich fröstelte es ihn.

 

Leseprobe aus „Der Wolf und der Geist

Zu spät!

Fackeln erhellten die Nacht als Orman mit seinen Männern auf die Mauern Kolfurts zuritt. Der Mond schimmerte rot auf den Fluten des Parzevals. Die Luft war noch immer mit dem Gestank des Brandes schwanger.

Flackerndes Licht ließ Schatten über eine frisch ausgehobene Grube zur Linken der Straße huschen. Fünf Männer standen dort und beobachteten die Reiter misstrauisch. Sie hatten sich Tücher vors Gesicht gebunden. Mehrere in grobes Leinen eingeschlagene Bündel lagen zu ihren Füßen im feuchten Gras. Aus einem der Bündel ragte eine zierliche Hand.

Orman zügelte seinen Rappen und blickte zu dem Hügel, der sich zwischen dem Massengrab und der Stadtmauer erhob. Hunderte von Menschen hatten sich dort versammelt.

Mit flauem Gefühl im Magen gebot Orman seinen Leuten zu warten und ritt die Flanke des Hügels hinauf. Zäh und unwillig teilte sich die Menge vor ihm. Schweigend starrten die Menschen ihn an. Ihre Blicke erzählten von Angst, Wut und Reue. Einige der fahlen Gesichter waren rußgeschwärzt. Andere wiesen Schrammen oder Verbände auf. Doch allen gemeinsam war das beklommene Misstrauen, mit dem sie den Hauptmann beäugten.

Zu spät! Patrars Worte hallten in Ormans Kopf wieder. Aber das hatte er nicht gemeint, oder? Und zu spät war ein sehr dehnbarer Begriff. Für die Menschen, die neben der Grube im Gras lagen, war es definitiv zu spät. Aber was ihn auf dem Hügel erwartete, machte ihm wirklich Sorgen. Es war diese Art von Hügel, der zu jeder Stadt gehörte, die eine eigene Gerichtsbarkeit besaß. Gut in Sichtweite, damit er seine abschreckende Wirkung aufrechterhielt, und doch so weit weg von den Mauern, dass der Gestank nicht ständig präsent war. Faszination und Bedrohung gingen davon aus, es war ein Ort der Endgültigkeit. Normalerweise waren diese Hügel kahl, doch in Kolfurt hatte man eine Reihe Bäume so angepflanzt, dass die eigentliche Hinrichtungsstätte von der Straße nicht sofort einsehbar war. Eine gnädige Maßnahme, die vermutlich dazu diente die Kaufleute und Händler, welche die Stadt am Leben hielten, nicht schon bei ihrer Ankunft abzuschrecken.

Wenige Augenblicke später erreichte Orman den Gipfel des Richthügels. Der alte Galgen war leer. Doch unweit davon hatten die Stadtbewohner ein neues Schafott zusammengezimmert. Große Teile des Baumaterials stammten offensichtlich von den riesigen Wagen mit der charakteristisch gebogenen Deichsel, die auf der anderen Seite des Hügels in einem kleinen Hain standen. Orman zählte ein Dutzend Fahrzeuge. Das frisch errichtete Gerüst aus drei Längs- und fünf Querbalken trug reichlich Früchte. Dicht aufgereiht hingen die Leichen der Orks: Männer, Frauen und Kinder – keiner war verschont worden.

Ja, dachte Orman, das bedeutet ‚zu spät‘.

Leseprobe aus „Der Traum der Jägerin
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Geheimarchiv der Sehnsucht

Zu dir, so schreit mein wundes Herz,
nach dir nur sehnt es sich.
Zu dir! Es bäumt sich auf vor Schmerz.

Es war ein eisiger Winterabend, an dem ich eine Seite an meinem Vater entdeckte, von der ich zuvor nichts geahnt hatte. Und das, obwohl er schon vor über drei Jahrzehnten verstorben ist. Als ich das kleine Büchlein meines Vaters mit der Aufschrift „Geheimarchiv“ das erste Mal in der Hand hielt, ahnte ich noch nicht, was es enthielt. Erst Monate später entdeckte ich sein Geheimnis.

Geheimarchiv der Sehnsucht - eBookAlles nahm seinen Anfang, als mir meine Mutter ein altes Notizbuch meines Vaters in die Hand drückte. Das Büchlein, das den Titel „Geheimarchiv“ trug, enthielt auf der ersten Seite je ein Gedicht von Schiller und Goethe. Dann folgte ein kurzer Bericht über eine Reise nach Paris, die vor etwa 55 Jahren stattgefunden haben muss. Die folgenden Seiten waren leer.

Erst viele Monate später fiel mir das Büchlein erneut in die Hände, als ich meine chronisch überfüllte Bibliothek um ein Regal erweiterte. Ich hatte es quer über einige alte Bücher gelegt. Gedankenverloren öffnete ich es in der Mitte und stieß auf ein kleines Gedicht. Neugierig geworden, blätterte ich ein wenig in dem Büchlein und entdeckte weitere Textstellen, immer wieder durch eine unregelmäßige Anzahl unbeschriebener Seiten getrennt. An diesem Abend, an dem der Taunus in frostiger Kälte erstarrt war, kuschelte ich mich warm ein, nahm mir das Büchlein zur Hand und ging es Seite um Seite durch. Erst nach zwei Dutzend unbeschriebenen Seiten und zwei enttäuschenden Textfragmenten stieß ich auf einen Block mit mehreren Gedichten. Das zweite davon, „Menschen?“, faszinierte mich durch seine Kürze, Geschwindigkeit und vor allem durch seine Aussage. Es folgten noch weitere Gedichte und Textfragmente, die sich mit Blöcken leerer Seiten abwechselten. An diesem Abend reifte der Entschluss in mir, die kleinen Poeme der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Am nächsten Tag setzte ich mich an meinen Schreibtisch und begann die Textstellen zu katalogisieren, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Oft handelte es sich nur um einen Vers oder eine Zeile, die gegebenenfalls an anderen Stellen des Büchleins wieder aufgegriffen wurde.
Die Gedichte, die vollständig waren, habe ich in diese Sammlung aufgenommen. Zwei davon, Menschen? und Liebesnot habe ich schon auf diesem Blog veröffentlicht.

Der Sammelband mit Gedichten von Dr. Wolfgang Kron ist als eBook und als Taschenbuch erhältlich.

Er liebt, doch glücklich ist er nicht. 

Schattenlöwen

Tino‘ta rannte. Und der Tod folgte ihr.

Kurzzeitig gewann sie an Geschwindigkeit, dann ließen lose Felssplitter, kleine Steine und Knochen verstorbener Kreaturen ihre Füße erneut straucheln. Ihre Zöpfe schlugen ihr ins Gesicht. Blut floss über ihre Stirntätowierung, rann ihr in die Augen und raubte ihr die Sicht. Schmerzhaft stieß sie mit der linken Schulter gegen die überhängende Felswand, prallte zurück und taumelte auf den Abgrund zu, der den schmalen Felsgrat auf der anderen Seite begrenzte. Ihr rechter Fuß trat ins Leere. Ihr Bein prallte hart gegen die scharfe Steinkante. Instinktiv verlagerte die junge Orkjägerin ihr Gewicht nach links und ließ sich nach vorne fallen, rollte ab und war sofort wieder auf den Beinen. Erneut stolperte sie, dann fanden ihre bloßen Füße Halt auf dem trügerischen Boden und sie hastete weiter den schmalen Grat entlang. Vor ihr gabelte sich der Weg. Ein Sims, kaum mehr als eine Handbreit brüchiges Gestein, führte weiter an der Felswand entlang. Der zweite Pfad war eine Treppe, die, teils natürlich entstanden, teils in längst vergangener Zeit von unbekannten Erbauern in den Fels geschlagen, steil anstieg. Wenige Spannen über Tino‘tas Kopf endete sie an einer Kante. Dort wich die Felswand zurück.

Die perfekte Stelle, um mich zu verteidigen, wenn ich sie erreiche, fuhr es ihr durch den Kopf, aber bis dorthin bin ich eine leichte Beute.

Als Tino‘ta vor wenigen Wochen mit ihrer Sippe zu den Winterquartieren aufgebrochen war, wusste sie, dass es eine aufregende Reise werden würde. Aber es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass es ihre letzte sein könnte. Mit ihren siebzehn Jahren war es Tino‘tas erste Wanderung als Jägerin. Die junge Orkfrau war nur knapp unter fünfeinhalb Fuß groß und zierlich gebaut. Doch was ihr an Muskelkraft fehlte, machte sie mit Agilität und Geschwindigkeit wett. Noch hatte sie ihre Kopfhaut nicht geschoren. Dies und die noch kaum ausgeprägten Wülste ihrer Stirntätowierung waren ein Zeichen ihrer Jugend. Zwei kastanienbraune Zöpfe, deren Spitzen sie mit aus Knochen geschnitzten Spangen fixiert hatte, baumelten ihr über die Schläfen auf die Brust. Ihr restliches Haar trug sie in unzähligen, eng geflochtenen Zöpfen, die sie im Nacken zusammenband. Ihre Haut hatte die typisch hellgraue Färbung, die bei einer Abstammung von den Gebirgsstämmen der Orks üblich war. Die breite Nase war leicht abgeflacht und ihre Wangenknochen nicht so markant wie bei den meisten Orks. Ihre Augen glänzten wie geschliffene Bernsteine. Die filigranen Ohren, die fast waagerecht nach hinten standen, liefen in schlanken Spitzen aus, was ihr ein etwas zerbrechliches Aussehen gab.

Tino‘ta warf einen gehetzten Blick zurück. Sie waren noch da, folgten ihr in immer gleichem Abstand. Kraftvolle Muskeln bewegten sich wie Schlangen unter nachtschwarzem Fell. Jetzt, da Tino‘ta verharrte, blieben auch die beiden großen Raubkatzen stehen.

Sie umfasste ihren Speer mit beiden Händen und wandte sich ihren Verfolgern zu. Die größere der beiden Katzen, ein Männchen, befand sich nur zwanzig Schritte entfernt. Kalte Augen fixierten die jungen Orkfrau. Die silbrige Mähne fing das Licht der spätherbstlichen Nachmittagssonne ein. Jeder Muskel des geschmeidigen Körpers war angespannt; in der Bewegung erstarrt; sprungbereit. Kaum weiter entfernt strich die kleinere Katze unweit des Abgrundes hin und her.

Behutsam schob sich Tino‘ta rückwärts die Steintreppe hinauf, die Augen fest auf die Tiere gerichtet. Den Speer mit der gebogenen Klinge hielt sie umklammert in der rechten Hand, während sie sich mit der linken den Weg nach oben ertastete. Auch die beiden Katzen setzten sich wieder in Bewegung, ohne jedoch den Abstand zu ihrer Beute zu verringern.

Sie treiben mich, wurde Tino‘ta bewusst, aber weshalb? Erinnerungsfetzen ihrer Ausbildung wirbelten an ihrem inneren Auge vorbei. Die Erzählungen alternder Jäger, selbstverliebt, trocken und langweilig. Oh, wie hatte sie diese Lehrstunden gehasst. Tino‘ta liebte die Jagd, es war ihr Leben, doch die ermüdenden Stunden, in denen längst fußlahme Greise versuchten den jungen Orks ebenso vergraute Weisheiten einzutrichtern, waren ihr zuwider gewesen. Nicht dass sie keine Geschichten mochte. Im Gegenteil. Den Legenden über die großen Jäger wie Parsemo oder Karen’to hatte sie immer gebannt gelauscht. In ihren Träumen war sie mit Karen’to durch die Wälder und Vorgebirge gezogen, auf der Pirsch nach Flussdrachen. Zusammen hatten sie Flugbestien gefangen und gezähmt. Oder sie war Parsemo in die tiefen Höhlen des Karakul gefolgt und hatte ihn vor den Klauen des Feuerwurms gerettet. Als Heldin kehrte sie jedes Mal zu ihrer Sippe zurück. Gefeiert und umjubelt, wie die alten Recken, zu denen sie sich hinwegträumte, wenn die Monotonie der Lehrstunden sie mal wieder ermüdete. Doch jetzt versuchte sie sich krampfhaft an das zu erinnern, was sie je über Schattenlöwen gelernt hatte. Das Erste, was ihr in den Sinn kam, waren die Worte des einbeinigen Orvaks, wie er, auf seinen Stock gestützt, unruhig vor seinen Schülern auf und ab humpelte.

»Schattenlöwen greifen normalerweise keine Orks an«, hatte er erklärt und dabei in die Ferne geschaut.

Wenn du wüsstest, kommentierte Tino‘ta ihre Erinnerung.

»Im Gegensatz zu anderen Löwen jagen bei ihnen die Männchen mit den Weibchen gemeinsam. Ihr werdet in eurem Leben vielleicht keins dieser faszinierenden und überaus listigen Geschöpfe sehen, wenn ihr nicht direkt Jagd auf sie macht. Und dass«, bei den Worten klopfte er auf seinen Beinstumpf, »wäre mehr als töricht. Selbst erfahrene Jäger wagen sich nur in größeren Gruppen an sie heran. Und das auch nie ohne Schamanen, denn die Tiere sind magiebegabt.«

»Aber Karen’to hat sie gejagt«, hatte die zehnjährige Tino‘ta eingeworfen. »Er hatte eine Kette mit Hunderten ihrer Zähnen.«

Der alte Lehrer lachte, bevor er antwortete. »Ja, er hat sie gejagt, aber nie alleine. Und nur wenn er ein einzelnes Tier stellen konnte. Er mag ein Held gewesen sein, aber er war kein Narr. Und er hatte nur zwölf Zähne an seiner Kette, als er seine Waffen zerbrach. Nicht alles, meine kleine Tino‘ta, was die Lieder erzählen, entspricht auch der Wahrheit.«

»Aber was tun wir, wenn wir einem Schattenlöwen begegnen? Auf einen Baum klettern?« Die Frage kam von einem kräftigen Jungen, dessen Namen Tino‘ta vergessen oder verdrängt hatte.

Orvaks Blick schien sich in der Ferne zu verlieren. »Fliehen? Nein, das bringt nichts. Sie sind schneller und ausdauernder im Laufen und gewandter im Klettern als ihr. Ist es nur ein einziges Tier, dann stellt euch ihm; sie sind nicht unbesiegbar. Aber vor allem solltet ihr euch nie alleine in die Berge begeben. Und wenn ihr einmal mehreren Schattenlöwen über den Weg laufen solltet, dann betet und hofft, dass man euch in den Liedern besingen wird.«

All das, dachte Tino‘ta, während sie sich vorsichtig die Stufen hinaufbewegte, wird mir nichts nützen. Sie erreichte die letzte Stufe und schob sich auf die anschließende, ebene Fläche. Ein kurzer Blick sagte ihr, dass sich ihre Lage nicht bedeutend verbessert hatte. Bedächtig, ohne dabei die beiden Katzen aus den Augen zu lassen, griff sie mit der linken Hand nach ihrem Horn und hob es an die Lippen. Hohl und einsam hallte der Ruf über den Felsgipfel und die darunterliegenden Wälder. Doch noch bevor die Antwort ertönte, wusste die junge Orkfrau, dass ihre Freunde zu weit entfernt waren. Sie war auf sich allein gestellt.

Leseprobe aus „Der Traum der Jägerin

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