Zu spät!

Fackeln erhellten die Nacht als Orman mit seinen Männern auf die Mauern Kolfurts zuritt. Der Mond schimmerte rot auf den Fluten des Parzevals. Die Luft war noch immer mit dem Gestank des Brandes schwanger.

Flackerndes Licht ließ Schatten über eine frisch ausgehobene Grube zur Linken der Straße huschen. Fünf Männer standen dort und beobachteten die Reiter misstrauisch. Sie hatten sich Tücher vors Gesicht gebunden. Mehrere in grobes Leinen eingeschlagene Bündel lagen zu ihren Füßen im feuchten Gras. Aus einem der Bündel ragte eine zierliche Hand.

Orman zügelte seinen Rappen und blickte zu dem Hügel, der sich zwischen dem Massengrab und der Stadtmauer erhob. Hunderte von Menschen hatten sich dort versammelt.

Mit flauem Gefühl im Magen gebot Orman seinen Leuten zu warten und ritt die Flanke des Hügels hinauf. Zäh und unwillig teilte sich die Menge vor ihm. Schweigend starrten die Menschen ihn an. Ihre Blicke erzählten von Angst, Wut und Reue. Einige der fahlen Gesichter waren rußgeschwärzt. Andere wiesen Schrammen oder Verbände auf. Doch allen gemeinsam war das beklommene Misstrauen, mit dem sie den Hauptmann beäugten.

Zu spät! Patrars Worte hallten in Ormans Kopf wieder. Aber das hatte er nicht gemeint, oder? Und zu spät war ein sehr dehnbarer Begriff. Für die Menschen, die neben der Grube im Gras lagen, war es definitiv zu spät. Aber was ihn auf dem Hügel erwartete, machte ihm wirklich Sorgen. Es war diese Art von Hügel, der zu jeder Stadt gehörte, die eine eigene Gerichtsbarkeit besaß. Gut in Sichtweite, damit er seine abschreckende Wirkung aufrechterhielt, und doch so weit weg von den Mauern, dass der Gestank nicht ständig präsent war. Faszination und Bedrohung gingen davon aus, es war ein Ort der Endgültigkeit. Normalerweise waren diese Hügel kahl, doch in Kolfurt hatte man eine Reihe Bäume so angepflanzt, dass die eigentliche Hinrichtungsstätte von der Straße nicht sofort einsehbar war. Eine gnädige Maßnahme, die vermutlich dazu diente die Kaufleute und Händler, welche die Stadt am Leben hielten, nicht schon bei ihrer Ankunft abzuschrecken.

Wenige Augenblicke später erreichte Orman den Gipfel des Richthügels. Der alte Galgen war leer. Doch unweit davon hatten die Stadtbewohner ein neues Schafott zusammengezimmert. Große Teile des Baumaterials stammten offensichtlich von den riesigen Wagen mit der charakteristisch gebogenen Deichsel, die auf der anderen Seite des Hügels in einem kleinen Hain standen. Orman zählte ein Dutzend Fahrzeuge. Das frisch errichtete Gerüst aus drei Längs- und fünf Querbalken trug reichlich Früchte. Dicht aufgereiht hingen die Leichen der Orks: Männer, Frauen und Kinder – keiner war verschont worden.

Ja, dachte Orman, das bedeutet ‚zu spät‘.

Leseprobe aus „Der Traum der Jägerin
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2 Kommentare

  1. Kathi Haderer sagt:

    Gefällt mir gut!

  2. wiesenirja sagt:

    Hm, ‚mit Gestank schwangere‘ Luft – werden so Dämonen geboren? 😉

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