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Schattenlöwen

Tino‘ta rannte. Und der Tod folgte ihr.

Kurzzeitig gewann sie an Geschwindigkeit, dann ließen lose Felssplitter, kleine Steine und Knochen verstorbener Kreaturen ihre Füße erneut straucheln. Ihre Zöpfe schlugen ihr ins Gesicht. Blut floss über ihre Stirntätowierung, rann ihr in die Augen und raubte ihr die Sicht. Schmerzhaft stieß sie mit der linken Schulter gegen die überhängende Felswand, prallte zurück und taumelte auf den Abgrund zu, der den schmalen Felsgrat auf der anderen Seite begrenzte. Ihr rechter Fuß trat ins Leere. Ihr Bein prallte hart gegen die scharfe Steinkante. Instinktiv verlagerte die junge Orkjägerin ihr Gewicht nach links und ließ sich nach vorne fallen, rollte ab und war sofort wieder auf den Beinen. Erneut stolperte sie, dann fanden ihre bloßen Füße Halt auf dem trügerischen Boden und sie hastete weiter den schmalen Grat entlang. Vor ihr gabelte sich der Weg. Ein Sims, kaum mehr als eine Handbreit brüchiges Gestein, führte weiter an der Felswand entlang. Der zweite Pfad war eine Treppe, die, teils natürlich entstanden, teils in längst vergangener Zeit von unbekannten Erbauern in den Fels geschlagen, steil anstieg. Wenige Spannen über Tino‘tas Kopf endete sie an einer Kante. Dort wich die Felswand zurück.

Die perfekte Stelle, um mich zu verteidigen, wenn ich sie erreiche, fuhr es ihr durch den Kopf, aber bis dorthin bin ich eine leichte Beute.

Als Tino‘ta vor wenigen Wochen mit ihrer Sippe zu den Winterquartieren aufgebrochen war, wusste sie, dass es eine aufregende Reise werden würde. Aber es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass es ihre letzte sein könnte. Mit ihren siebzehn Jahren war es Tino‘tas erste Wanderung als Jägerin. Die junge Orkfrau war nur knapp unter fünfeinhalb Fuß groß und zierlich gebaut. Doch was ihr an Muskelkraft fehlte, machte sie mit Agilität und Geschwindigkeit wett. Noch hatte sie ihre Kopfhaut nicht geschoren. Dies und die noch kaum ausgeprägten Wülste ihrer Stirntätowierung waren ein Zeichen ihrer Jugend. Zwei kastanienbraune Zöpfe, deren Spitzen sie mit aus Knochen geschnitzten Spangen fixiert hatte, baumelten ihr über die Schläfen auf die Brust. Ihr restliches Haar trug sie in unzähligen, eng geflochtenen Zöpfen, die sie im Nacken zusammenband. Ihre Haut hatte die typisch hellgraue Färbung, die bei einer Abstammung von den Gebirgsstämmen der Orks üblich war. Die breite Nase war leicht abgeflacht und ihre Wangenknochen nicht so markant wie bei den meisten Orks. Ihre Augen glänzten wie geschliffene Bernsteine. Die filigranen Ohren, die fast waagerecht nach hinten standen, liefen in schlanken Spitzen aus, was ihr ein etwas zerbrechliches Aussehen gab.

Tino‘ta warf einen gehetzten Blick zurück. Sie waren noch da, folgten ihr in immer gleichem Abstand. Kraftvolle Muskeln bewegten sich wie Schlangen unter nachtschwarzem Fell. Jetzt, da Tino‘ta verharrte, blieben auch die beiden großen Raubkatzen stehen.

Sie umfasste ihren Speer mit beiden Händen und wandte sich ihren Verfolgern zu. Die größere der beiden Katzen, ein Männchen, befand sich nur zwanzig Schritte entfernt. Kalte Augen fixierten die jungen Orkfrau. Die silbrige Mähne fing das Licht der spätherbstlichen Nachmittagssonne ein. Jeder Muskel des geschmeidigen Körpers war angespannt; in der Bewegung erstarrt; sprungbereit. Kaum weiter entfernt strich die kleinere Katze unweit des Abgrundes hin und her.

Behutsam schob sich Tino‘ta rückwärts die Steintreppe hinauf, die Augen fest auf die Tiere gerichtet. Den Speer mit der gebogenen Klinge hielt sie umklammert in der rechten Hand, während sie sich mit der linken den Weg nach oben ertastete. Auch die beiden Katzen setzten sich wieder in Bewegung, ohne jedoch den Abstand zu ihrer Beute zu verringern.

Sie treiben mich, wurde Tino‘ta bewusst, aber weshalb? Erinnerungsfetzen ihrer Ausbildung wirbelten an ihrem inneren Auge vorbei. Die Erzählungen alternder Jäger, selbstverliebt, trocken und langweilig. Oh, wie hatte sie diese Lehrstunden gehasst. Tino‘ta liebte die Jagd, es war ihr Leben, doch die ermüdenden Stunden, in denen längst fußlahme Greise versuchten den jungen Orks ebenso vergraute Weisheiten einzutrichtern, waren ihr zuwider gewesen. Nicht dass sie keine Geschichten mochte. Im Gegenteil. Den Legenden über die großen Jäger wie Parsemo oder Karen’to hatte sie immer gebannt gelauscht. In ihren Träumen war sie mit Karen’to durch die Wälder und Vorgebirge gezogen, auf der Pirsch nach Flussdrachen. Zusammen hatten sie Flugbestien gefangen und gezähmt. Oder sie war Parsemo in die tiefen Höhlen des Karakul gefolgt und hatte ihn vor den Klauen des Feuerwurms gerettet. Als Heldin kehrte sie jedes Mal zu ihrer Sippe zurück. Gefeiert und umjubelt, wie die alten Recken, zu denen sie sich hinwegträumte, wenn die Monotonie der Lehrstunden sie mal wieder ermüdete. Doch jetzt versuchte sie sich krampfhaft an das zu erinnern, was sie je über Schattenlöwen gelernt hatte. Das Erste, was ihr in den Sinn kam, waren die Worte des einbeinigen Orvaks, wie er, auf seinen Stock gestützt, unruhig vor seinen Schülern auf und ab humpelte.

»Schattenlöwen greifen normalerweise keine Orks an«, hatte er erklärt und dabei in die Ferne geschaut.

Wenn du wüsstest, kommentierte Tino‘ta ihre Erinnerung.

»Im Gegensatz zu anderen Löwen jagen bei ihnen die Männchen mit den Weibchen gemeinsam. Ihr werdet in eurem Leben vielleicht keins dieser faszinierenden und überaus listigen Geschöpfe sehen, wenn ihr nicht direkt Jagd auf sie macht. Und dass«, bei den Worten klopfte er auf seinen Beinstumpf, »wäre mehr als töricht. Selbst erfahrene Jäger wagen sich nur in größeren Gruppen an sie heran. Und das auch nie ohne Schamanen, denn die Tiere sind magiebegabt.«

»Aber Karen’to hat sie gejagt«, hatte die zehnjährige Tino‘ta eingeworfen. »Er hatte eine Kette mit Hunderten ihrer Zähnen.«

Der alte Lehrer lachte, bevor er antwortete. »Ja, er hat sie gejagt, aber nie alleine. Und nur wenn er ein einzelnes Tier stellen konnte. Er mag ein Held gewesen sein, aber er war kein Narr. Und er hatte nur zwölf Zähne an seiner Kette, als er seine Waffen zerbrach. Nicht alles, meine kleine Tino‘ta, was die Lieder erzählen, entspricht auch der Wahrheit.«

»Aber was tun wir, wenn wir einem Schattenlöwen begegnen? Auf einen Baum klettern?« Die Frage kam von einem kräftigen Jungen, dessen Namen Tino‘ta vergessen oder verdrängt hatte.

Orvaks Blick schien sich in der Ferne zu verlieren. »Fliehen? Nein, das bringt nichts. Sie sind schneller und ausdauernder im Laufen und gewandter im Klettern als ihr. Ist es nur ein einziges Tier, dann stellt euch ihm; sie sind nicht unbesiegbar. Aber vor allem solltet ihr euch nie alleine in die Berge begeben. Und wenn ihr einmal mehreren Schattenlöwen über den Weg laufen solltet, dann betet und hofft, dass man euch in den Liedern besingen wird.«

All das, dachte Tino‘ta, während sie sich vorsichtig die Stufen hinaufbewegte, wird mir nichts nützen. Sie erreichte die letzte Stufe und schob sich auf die anschließende, ebene Fläche. Ein kurzer Blick sagte ihr, dass sich ihre Lage nicht bedeutend verbessert hatte. Bedächtig, ohne dabei die beiden Katzen aus den Augen zu lassen, griff sie mit der linken Hand nach ihrem Horn und hob es an die Lippen. Hohl und einsam hallte der Ruf über den Felsgipfel und die darunterliegenden Wälder. Doch noch bevor die Antwort ertönte, wusste die junge Orkfrau, dass ihre Freunde zu weit entfernt waren. Sie war auf sich allein gestellt.

Leseprobe aus „Der Traum der Jägerin

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