Fremde Sühne

Bleiche Schleier ziehen an den Gittern vorbei. Die Hammerschläge zeugen von Schicksal, von Unaufschiebbarkeit.

In der Zelle ist es kalt. Die klamme Feuchtigkeit ist allgegenwärtig. Der Blick des Gefangenen hängt noch einen Moment an dem Galgen; seinem Galgen. Er löst sich, schweift hinaus in die Welt. Er folgt dem Band aus nasser Erde, festgestampft von unzähligen Füßen und Hufen, das sich im Unbestimmten des Nebels verliert. Tote Bäume recken ihre Äste fingergleich gen Himmel; ungewisse Gestalten in den wabernden Schwaden. Stimmen und Hundegebell verlieren sich im grauen Dunst, vage und ortlos.

Seine Gedanken reißen seinen Blick weiter: über den nahen Wald zu den fernen Dünen; zerren ihn durch Raum und Zeit.

Er folgt den einsamen Spuren im Sand, die sein Schicksal besiegelten. Zu dem Haus auf der Klippe, verödet und verlassen, vom Wind gepeinigt, der die Fensterläden gegen die Fassade schlägt und durch jede Öffnung heult.

Erneut verharrt er, wie damals. Er konnte nicht weitergehen. Was ging es ihn an? Andere würden sich darum kümmern. Und was wusste er schon? Schatten in der Nacht, Bilder in der Trunkenheit; er hatte sich das alles eingebildet. Ja, so war es. Es gab hier nichts, was er tun musste. Er würde kehrt machen, würde zurückkehren zu seinem Platz im „Lustigen Seemann”. Nur ein Glas, mehr wollte er nicht.

Das Bild verschwimmt. Jetzt weiß er es besser. Es war nicht bei dem einen Glas geblieben; es blieb nie bei einem Glas. Er hatte da gesessen und getrunken, bis sie ihn abholten. Ob er in dem Haus an den Dünen war, hatte der Sheriff gefragt. »Ich? Nein!« Es war die Wahrheit. Seine Wahrheit. Sie hatten ihm nicht geglaubt. Warum auch? Jetzt, aus der Distanz, hätte er sich auch nicht geglaubt. Doch es war nicht seine Schuld. Er war nicht in dem Haus.

Wieder steht er vor den verfaulten Stufen, halb im Sand versunken. Er macht einen Schritt und das morsche Holz gibt nach, biegt sich unter ihm.

Die Eingangshalle ist leer, nur Staub und Ratten leben hier. Zögerlich läuft er auf die schmale Tür im Hintergrund zu. Einmal war er hier, damals, als der Sheriff ihn zurück an den Tatort brachte. Doch das ist nicht jetzt, es ist noch nicht geschehen. Diesmal geht er den Weg, den er gehen muss, den er schon damals hätte gehen sollen. Es wird nichts ändern, nicht für den Richter, nicht für die Geschworenen, nicht für die Familie. Aber für ihn. Seine Gedanken leiten seine Schritte in den Keller, der leer ist, in einer Gegenwart, die noch kommen wird. Doch jetzt ist er voll von Wahrheit, voll von Gespenstern der Schuld. Er blickt zu der Frau, die mit großen Augen in die Dunkelheit starrt, voller Angst auf das harrend, was da kommen mag. Und zu dem Fremden, dessen Tat er sühnt. Wenn er damals hineingegangen wäre, hätte er es ändern können. Da hatte sie noch gelebt. Er bewegt sich zögerlich auf den Fremden zu, der mit dem Rücken zu ihm steht. Irgendetwas an dem Mann kommt ihm bekannt vor. Er geht noch einen Schritt. Der Fremde dreht sich um.

Das Erkennen kommt langsam, wie das Erwachen aus einem tiefen Schlaf. Es trifft ihn wie ein Hammerschlag; schockiert ihn; erlöst ihn. Dann reißen ihn seine Gedanken zurück in die Gegenwart.

Er wendet sich ab, setzt sich auf die enge Pritsche. Das Hämmern aus dem Hof hat etwas Erlösendes angenommen, ein Klang von Sühne. Die Bilder des Vergangenen sind verblasst und doch fühlt er noch die Augen, die sich unsichtbar aus dem Nebel in seine Seele bohren. Zwei blaue Augen, eingerahmt von blonden Locken; anklagend; verloren und verängstigt.

Er weint.

An den Gittern ziehen die Nebel der Vergangenheit vorbei.

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1 Kommentar

  1. Hallo! Vielen Dank für Deinen Besuch bei mir, ich frage mich, warum ich Deine Seite noch nicht entdeckt habe…Ich bin begeistert und folge Dir! Das, was ich bisher gelesen habe, gefällt mir total, fließend geschrieben; klingt nach ner Menge Schreiberfahrung 😉 Fantastische Grüße, Julia

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